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Mehr Gerechtigkeit und Transparenz entlang der Lieferkette. Aus Sourcing-Herausforderungen echte Vermarktungspotenziale generieren

Im Arbeitsalltag werden Rohstoffeinkäufer:innen für Naturkosmetikprodukte mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Wie lassen sich diese Herausforderungen systematisch analysieren? Wie kann es gelingen, aus diesen Herausforderungen unternehmerische Potenziale zu generieren? Isabella Krause und Sophia Steinmetz von Naturamus geben einen Einblick in das neue Sorgfaltspflichtengesetz bei Lieferketten.

Mehr Transparenz und Gerechtigkeit entlang der Lieferkette. WALA Heilmittel GmbH | Timothy Barnes

Mehr Transparenz und Gerechtigkeit entlang der Lieferkette. WALA Heilmittel GmbH | Timothy Barnes

Einfach und schnell in Herausforderungen Potenziale entdecken

Die Methode „Problem Tree“ hat sich längst als State-of-the-Art Methode in Management und Prozessoptimierung etabliert. Mit einem Problem Tree verfolgen Entscheidungsträger:innen das Ziel, Ursachen und Folgen sowie deren Zusammenhänge eines Problemkomplexes zu gewinnen. Daher erscheint die Methode geeignet, um komplexe Problemfelder bei der Beschaffung von Naturkosmetikrohstoffen systematisch zu analysieren. In der Regel können die identifizierten Herausforderungen drei Dimensionen zugeordnet werden: Ökonomischen, ökologischen und sozialen Herausforderungen.

Auch Rohstoffeinkäufer:innen der Naturkosmetikbranche sehen sich im Sourcing mit ökologischen Problemen wie Ernteausfällen infolge von Landübernutzung und Klimawandel oder ökonomischen Problemen wie Preisschwankungen infolge von Marktunsicherheiten konfrontiert. Diese Herausforderungen bedingen Verfügbarkeitsschwankungen und Preisunsicherheiten in der Beschaffung von Rohstoffen, wodurch die Produktionsplanung eingeschränkt wird.

The Problem Tree. Foto: Naturamus

The Problem Tree. Foto: Naturamus

Zudem sehen sich Rohstoffeinkäufer:innen mit Folgen „sozialer Herausforderungen“ konfrontiert. Zu diesen Herausforderungen gehören beispielsweise geringe Gehälter und Rohwarenpreise, die insbesondere Kleinbäuer:innen im Globalen Süden erhalten. Existenznöte sind wegen Preis- und Lohndumping nicht ausgeschlossen, weshalb sich immer mehr Menschen dazu gezwungen sehen, das Land zu verlassen, um in der Stadt einen lukrativeren Job zu suchen. Dadurch mangelt es ruralen Räumen an Fach- und Arbeitskräften sowie Landwirt:innen, wodurch die Warenverfügbarkeit von landwirtschaftlichen Erzeugnissen sowie Halb- und Fertigwaren reduziert wird.

Lieferkettengesetz umsetzen – aber richtig!

Das im Juli 2021 vom Deutschen Bundestag beschlossene „Sorgfaltspflichtengesetz“ setzt an dieser Stellschraube an. Mit dem Sorgfaltspflichtengesetz werden deutsche Unternehmen ab einer Mitarbeitergröße von 1.000, beziehungsweise 3.000 Mitarbeitern ab 2023, beziehungsweise 2024 dazu verpflichtet, ihren menschenrechtlichen und teilweise ökologischen Sorgfaltspflichten entlang der Lieferkette nachzukommen. Das Gesetz umfasst die gesamte Lieferkette in unterschiedlicher Abstufung.

In erster Linie wird die Einhaltung menschenrechtlicher und arbeitsrechtlicher Standards, wozu eine faire Bezahlung zählt, in deutschen Firmen und den unmittelbaren Zulieferern der deutschen Firmen auf den Prüfstand gestellt. Zwar äußern Verbände des zertifizierten fairen Handels Kritik am Sorgfaltspflichtengesetz, doch ist das Gesetz ein erster Ansatzpunkt für einen verbesserten globalen Menschenrechtsschutz. Es ist daher zu erwarten, dass dies die betroffenen Unternehmen im Marketing für sich zu nutzen wissen.

Werben Konzerne künftig nicht nur mit Claims wie „Clean“ und „Green Beauty“, sondern auch mit Begriffen wie „Fair Beauty“ oder „Ethical Cosmetics“, werden Hersteller:innen zertifizierter Naturkosmetik und von Kosmetik mit fair-zertifizierten Rohstoffen unter Druck gesetzt. Wie die Juristin Anna Mandozzi erläutert, sind die Begriffe „Clean“ und „Green Beauty“ weder geschützt noch eindeutig definiert. Daher ist es möglich, dass Clean Beauty-Produzenten nicht nur natürliche, sondern auch synthetische Rohstoffe einsetzen, wie Marion Bentz, Product Managerin bei Pierre Fabre, schildert. Dass sowohl Ab- und Umsatz von „Clean“- und „Green Beauty“-Produkten als auch das Konsumenteninteresse an sozial- und ökologisch nachhaltigen Produkten wächst, veranschaulicht, dass das Clean / Green-Beauty Marketing funktioniert.

„Bio“ und „Fair“ als neue Must-Haves der Naturkosmetik

Umso eher sind Hersteller zertifizierter Naturkosmetik gefordert, sich von Mitbewerber:innen abzuheben und nicht nur Sourcing Herausforderungen anzugehen, sondern auch Vermarktungsherausforderungen in Zeit von Clean- und Green-Beauty zu begegnen. Der Einsatz fair-zertifizierter Rohstoffe in Naturkosmetikprodukten kann an dieser Stelle als eine Lösung vorgebracht werden, welche Vermarktungspotenziale in Sourcing-Herausforderungen stecken.

Der Weltmarkt für fair-zertifizierte Produkte wächst seit Jahren stetig. 2017 verzeichnete der zertifizierte internationale faire Handel mit 8,49 Milliarden Euro ein neues Umsatzhoch und umfasste beinahe die dreifache Umsatzstärke im Vergleich zu 2008. Neben Kaffee, Kakao und Bananen – die drei umsatzstärksten Verkaufswaren des fairen Handels – steigt die globale Vermarktung von fair-zertifizierter (Natur-) Kosmetik stetig. Das Marktsignal, welches mit dem 2014 ins Leben gerufenen Fairtrade-Siegel von TransFair für Kosmetik gesetzt wurde, spricht in Anbetracht dessen für sich und zeigt: Es gibt einen wachsenden Markt für faire Naturkosmetik, beziehungsweise Kosmetik auf Basis fair gehandelter Rohstoffe. „LOHAS“ (Lifestyles of Health and Sustainability), eine als attraktiv wahrgenommenen Konsumentengruppe aus den USA, und „Millennials“, eine kritische und aufstrebende Konsumentenkohorte aus Europa, hinterfragen den eigenen Konsum kritisch. „Bio“ allein scheint vielen nicht mehr zu genügen: Die aufstrebende Generation ruft nach fair gehandelten und ökologisch-nachhaltigen Produkten mit vorteilhaftem ökologischen und sozialem Fußabdruck.

Macadamianüsse aus ökologischem und Fair for Life-zertifiziertem Anbau. WALA Heilmittel GmbH | Timothy Barnes

Macadamianüsse aus ökologischem und Fair for Life-zertifiziertem Anbau. WALA Heilmittel GmbH | Timothy Barnes

Fair gehandelte Bio-Rohstoffe wie Macadamianussöl mit Macadamianüssen aus ökologischem und Fair for Life-zertifiziertem Anbau von LIMBUA GmbH aus Kenia dürfen an dieser Stelle als Blaupause dafür vorgebracht werden, wie Beschaffungssicherheit auf Konsumenteninteresse treffen kann. Limbua unterstützt kenianische Kleinbäuer:innen nicht nur bei Anbaufragen und einem Umstieg auf einen bio-zertifizierten Stockwerkbau von Macadamianüssen, Mangos, Avocados und Kaffee. Stattdessen schafft Limbua hunderte langfristige Arbeitsplätze vor Ort, entlohnt die Kleinbäuer:innen fair und transparent, sichert die Abnahme der Kleinbäuer:innen zu und bildet Kinder, Jugendliche und Erwachse aus- und fort. Zudem unterstützt der Fair for Life-Zuschlag pro Kilogramm Macadamianüsse die lokale Entwicklung nachhaltig. All das sichert die lokale Prosperität genauso wie die Existenzen der Landwirt:innen. Folglich können die Kleinbäuer:innen ihrer Arbeit nachgehen und müssen nicht in kenianische Großstädte abwandern.

Der faire und ökologische Anbau von Macadaminüssen, die zum Naturkosmetikrohstoff „Macadmianussöl“ gepresst werden können, erweist sich vor diesem Hintergrund als Win-Win-Situation: Auf der einen Seite erhalten jene Landwirt:innen, die mit Limbua assoziiert sind, einen fairen Lohn, beziehungsweise einen fairen Preis für die gelieferten Nüsse und erfahren Unterstützung durch die Programme, die mit dem FFL-Fonds finanziert werden. Auf der anderen Seite wissen die Kunden des FFL-zertifizierten Bio-Macadamianussöls die Beschaffung der benötigten Ressource gesichert und erfreuen sich einer gewissen Preisstabilität. Dadurch geraten ökologisch- und fair-zertifizierte Öle zu kundenorientierten und zukunftsweisenden Ressourcen am Naturkosmetikmarkt.

Dieser Fachartikel wurde gemeinsam von Sophie Steinmetz und Isabella Krause verfasst.