BlogFachartikel, Interviews und Einblicke für Bio- und Naturkosmetik

Clean Beauty, nachhaltige Verpackung, kleine Marken, gute Kommunikation uvm. Die Themen beim NaturkosmetikCamp 2021 in Raum 1

Green Beauty, Clean Beauty, zertifizierte Naturkosmetik – was sind die Unterschiede? Wie werden Produkte nachhaltig verpackt und welche Chancen haben kleine Naturkosmetikmarken? Wie wird Naturkosmetik überhaupt definiert und was ist das neue Sorgfaltspflichtengesetz? Ein immer komplexer werdendes Themenfeld braucht aber auch eine klare Kommunikation. Und dafür braucht es die richtige Agentur und auch gute Influencer. Geballtes Fachwissen ist in Raum 1 auf kreative Denkanstöße getroffen. Herausgekommen sind neue Ideen für die proaktive Zukunftsgestaltung in der Naturkosmetikbranche.

Auch die Sessions in Raum 1 waren geprägt von aktivem Austausch und Diskussionen. NaturkosmetikCamp 2021, Foto: Jasmin Walter Photography

Auch die Sessions in Raum 1 waren geprägt von aktivem Austausch und Diskussionen. NaturkosmetikCamp 2021, Foto: Jasmin Walter Photography

In den 7 spannenden Sessions wurden vor allem künftige Marktherausforderungen durch den offenen Austausch zu neuen Chancen transformiert. Große Einigkeit darüber, dass zertifizierte Naturkosmetik oft so viel mehr ist, als etablierte Standards definieren.

Gleichzeitig aber stehen wir alle vor der großen Herausforderung, dass auch konventionelle Kosmetikhersteller und große Marken auf den „grünen“ Zug aufspringen und die ohnehin schon schwierige Kommunikation zu Konsument:innen weiter verwässern. Was also tun, wenn Trendbegriffe wie Green Beauty und Clean Beauty die Bilder in den Köpfen der Verbraucher:innen zeichnen, die eigentlich der zertifizierten Naturkosmetik vorbehalten sein sollten? Inwieweit helfen Gesetze und Verordnungen, um Begrifflichkeiten zu schützen oder die Lieferkettentransparenz zu regeln? Wo gilt es die eigenen Hausaufgaben zu machen und beherzt die Potenziale der digitalen Kommunikation zu nutzen und mutig neue Wege der Kommunikation durch Influencer:innen oder neue digitale Plattformen zu gehen?

Session 1 – Clean Beauty, Green Beauty – alles Green Washing? Sind diese Schlagworte ein Problem für die zertifizierte Naturkosmetik oder eine Herausforderung?

Clean Beauty, Green Beauty, Naturkosmetik – eines haben die Begriffe alle gemeinsam: Sie sind nicht geschützt und es gibt keine Regelung für deren korrekte Verwendung. Was bleibt ist, dass es sich bei Green und Clean Beauty um Konzepte handelt, die eine bestimmte Idee, eine Vision oder ein Vorhaben zum Ausdruck bringen. Dass dies oftmals falsche Bilder in den Köpfen der Verbraucher:innen schürt ist klar. Die „zertifizierte“ Naturkosmetik ist hier grundsätzlich eine Nasenlänge voraus – denn der/die Konsument:in kann auf anerkannte Siegel vertrauen. Darauf achten aber nicht alle, die sich für „grüne“ und „reine“ Kosmetik entscheiden.

Auch wenn es sich bei Clean- und Green Beauty nicht um profunde Wertekostüme handelt, so haben sie sich marketingtechnisch stark positioniert. So könnte man die Sessionfrage von Birgit Corall (cobicos) umkehren und sich fragen, ob tatsächlich die Kraft dieser Schlagworte, oder doch eher die fehlende Kraft in der Kommunikation von Naturkosmetik zur Herausforderung werden. Auf jeden Fall gibt es aktuell in diesem Bereich einige Hausaufgaben zu machen.

Die Session von Birgit Corall fand großen Zuspruch. Foto: Jasmin Walter Photography

Die Session von Birgit Corall fand großen Zuspruch. Foto: Jasmin Walter Photography

Session 2 – Kleine Marken ganz groß: Wie digitale Konzepte die Naturkosmetik-Welt verändern und kleine Marken vorwärtsbringen

Kleine Marken haben viele entscheidende Vorteile, wenn es um kreative Kommunikations- und Vertriebswege geht. Sie bringen Lebendigkeit, Flexibilität, Persönlichkeit, Authentizität, Transparenz, Dynamik, Einzigartigkeit, Entscheidungsfreude und Mut mit und tragen ein starkes „Warum“ in ihrer Vision. Das alles im Gepäck, sollte auch die Nutzung von neuen Technologien zur Kunden- und Partnergewinnung kein Problem sein.

Woran es aber oftmals scheitert, ist, dass kleine Marken vor lauter Kreativität und Schaffensdrang die Strategie außer Acht lassen. Ausprobieren: Ja! Aber davor sollte sich jede Marke – vor allem die kleinen – wichtige Fragen stellen, rät Sessionleiterin Elke Hockauf (Authentic Eco). Welche Werte zeichnen die Marke aus? Welche Geschichte erzählt die Marke? Und wer ist überhaupt der Zielkunde? Hier darf man sich gerne die Zeit nehmen, um Personas – also Kund:innen mit einer möglichst detaillierten Beschreibung von Demografie, Lebensstil, Wünschen, Ängsten, Zielen und Herausforderungen etc. – zu erstellen. Wenn dies erledigt ist, darf und muss man mutig sein, ausprobieren und aus der Erfahrung lernen. Gerne auch Best-Practice Beispiele aus anderen Branchen anschauen und für sich ableiten.

Wer sich für den digitalen Weg entscheidet, muss stationäre Vertriebspartner mitnehmen! Gemeinsame Kampagnen, digitale Vertriebssysteme die auch stationäre Partner provisionsbeteiligen und das Involvieren von Partnern in die Kommunikation kann die Zusammenarbeit sogar pushen. Kleine Marken sind flexibel uns sollten immer neugierig in Bezug auf neue Möglichkeiten bleiben: schon einmal etwas von Couchbummel oder Orghive, der chinesischen Plattform für Bio-Produkte, gehört?

In der Session von Elke Hockauf wurden die Stärken der kleinen Marken zusammengetragen. Foto: Jasmin Walter Photography

In der Session von Elke Hockauf wurden die Stärken der kleinen Marken zusammengetragen. Foto: Jasmin Walter Photography

Session 3 – Verpackungen – welche Arten von Nachhaltigkeit gibt es und wem nützen diese?

Nachhaltigkeit hört nicht beim Inhalt auf. Dieses wichtige Thema wurde bereits vor sechs Jahren beim NaturkosmetikCamp 2015 an gleicher Stelle angeschnitten und ist bis heute immer bedeutender geworden. Die Müll- und Entsorgungsproblematik wird immer größer – gleichzeitig zeigt sich die Verpackungsindustrie immer innovativer! Inez Linke (Oceanwell) und Carolin Haverkamp (KHK) haben in ihrer Session also jene Frage aufgeworfen, mit der sich aktuell viele intensiv beschäftigen. Nicht nur das Interesse im Raum war groß, sondern auch das Wissen um Verpackungsmaterialien, deren Vor- und Nachteile. Es gibt mittlerweile viel Auswahl und die Verpackungsindustrie bietet attraktive Alternativen zu Plastiktuben & Co. Die „eine“ nachhaltige Verpackung gibt es aber nicht und auch Kunststoff ist nicht per se schlecht. Auch der perfekte Schutz des Inhalts muss ins Nachhaltigkeitskonto einzahlen – denn weggeworfene Kosmetik ist auch im grünsten Tiegel nicht nachhaltig.

Sehr spannend war die Diskussion um den Ansatz „design to recycle“, der darauf abzielt, dass nicht nur weniger Verpackungsmaterial notwendig ist (reduce), sondern dieses auch leicht zu trennen und sortenrein zu entsorgen ist. Dazu gehören verständliche Entsorgungshinweise auf Verpackungen genauso wie das Verwenden von Materialkombinationen, die kompatibel mit einem Recycling sind. Auch eine Verpackungsgestaltung mit Kleinteilen entspricht nicht dem „design to recycle“-Ansatz, da diese typischerweise nicht aussortiert und recycelt werden können.

Wie die Verpackung der Zukunft aussehen wird? Pfandsysteme, Refill-Möglichkeiten sowie Alternativen zum erklärbedürftigen Recycling (recyclingfähige Komplettverpackung) oder auch ganz neue Verpackungsmaterialien wie Lignin sind vielversprechend, haben aber auch ihre Tücken. Eines ist aber sicher: In puncto Verpackung wird sich noch so einiges tun!

Gemeinsam wurde das Für und Wider von unterschiedlichen Verpackungsmaterialien besprochen. Foto: Jasmin Walter Photography

Gemeinsam wurde das Für und Wider von unterschiedlichen Verpackungsmaterialien besprochen. Foto: Jasmin Walter Photography

Session 4 – Definition Naturkosmetik: neueste Vorgaben und Entwicklungen

Was fehlt ist die rechtliche Basis für eine klare Definition des Begriffs. Wer könnte diese Standards definieren bzw. in Brüssel die Gesetzgebung in diesem Bereich beeinflussen? Dass eine gemeinsame Stimme der Naturkosmetik fehlt, diskutieren wir nicht zum ersten Mal. Was würde beispielsweise eine einheitliche EU-Kosmetikverordnung für die Branche bedeuten? Sehen wir die Flexibilität der dynamischen Branche gefährdet? Eine weitere Überlegung ist, dass ein gemeinsamer Standard eine Regulierung nach unten bedeuten würde, um möglichst viele mitzunehmen.

Neben der Klarheit der Begrifflichkeit an sich stellt sich auch die Frage, was Naturkosmetik eigentlich alles inkludiert? Ist Naturkosmetik immer ethisch, nachhaltig, biologisch, vegan oder fair? Oder braucht es innerhalb der Naturkosmetik eine tiefere Kategorisierung? Die Bezeichnungen „beyond bio“ und „ROC“ (regenerative organic certified – eine neue Zertifizierung in den USA) gehen definitiv schon einige Schritte weiter, wobei dennoch die Ausgangsfrage der Klärung des Begriffs „Naturkosmetik“ immer noch keine gesetzliche Verankerung gefunden hat. Sessionleiter Sven Gehrig (WALA Heilmittel) verrät, dass die zwei großen Standards (Cosmos & Natrue) um Vereinheitlichung bemüht sind. Diese Insider-Information gibt auf jeden Fall Hoffnung, dass Transparenz und Orientierung in der Naturkosmetik-Branche gestärkt werden.

Sven Gehrig diskutierte mit den Teilnehmer:innen, wie Naturkosmetik eigenlich definiert wird. Foto: Jasmin Walter Photography

Sven Gehrig diskutierte mit den Teilnehmer:innen, wie Naturkosmetik eigenlich definiert wird. Foto: Jasmin Walter Photography

Session 5 – Das neue Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten

Je nachdem, an welcher Position man sich in der Lieferkette befindet, sind die Herausforderungen der Unternehmen unterschiedlich. Das Sorgfaltspflichtengesetz regelt in Zukunft die Lieferkettentransparenz und nimmt das Unternehmen selbst, sowie die unmittelbar vorgelagerten Lieferanten in die Pflicht. Isabella Krause und Sophia Steinmetz (Naturamus) kennen sich nicht nur gut mit dem neuen Gesetz aus, sondern haben weit mehr als die darin geregelten Punkte im eigenen Unternehmen verankert.

Das Ziel des neuen Gesetzes ist es, die Achtung von Menschenrechten sicherzustellen und auch Umweltaspekte zu berücksichtigen. Ab 2023 sind Unternehmen ab 3000 Mitarbeiter:innen verpflichtet, die unternehmerischen Sorgfaltspflichten entsprechend umzusetzen – ab 2024 müssen auch Unternehmen ab 1000 Mitarbeiter:innnen nach den Regelungen handeln. Klar kommuniziert ist, dass diese Richtlinien keine Empfehlungen sind, sondern es bei Nichtbeachtung zu Bußgeldzahlungen oder im schlimmsten Fall zum Handelsverbot in Deutschland kommen kann.

Das Schöne ist, dass viele Naturkosmetikhersteller diese Sorgfaltspflichten unabhängig vom neuen Gesetz bereits erfüllen. Es gibt also einen Vorsprung gegenüber konventionellen Herstellern, der in der Kommunikation bereits heute ausgespielt werden kann. Storytelling und emotionale Aufladung dürfen sich auch mit dem „mehr als gesetzlicher Standard“ beschäftigen. Pflanzlich, biologisch UND fair! Die breite Wahrnehmung ist, dass das Attribut „bio“ stärker zur Kaufentscheidung beiträgt als „fair“. Der Kampfspruch „make fair sexy again“ spielt auf die Modebranche an, die den Weg mit coolen, frischen und hippen Marken bereits erfolgreich eingeschlagen hat.

Sophia Steinmetz und Isabella Krause lieferten einen spannnden Einblick in das neue Sorgfaltspflichtengesetz. Foto: Jasmin Walter Photography

Sophia Steinmetz und Isabella Krause lieferten einen spannnden Einblick in das neue Sorgfaltspflichtengesetz. Foto: Jasmin Walter Photography

Session 6 – Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Influencern und Cosmetic Brands?

Martina Wiesenbauer-Vrublovsky (Fräulein Haircare) regte zum spannenden Erfahrungsaustausch über Influencer-Marketing an. Egal ob Produkt-Samples zugeschickt werden, Kooperationen mit finanzieller Vergütung ausgemacht werden, langfristige Content-Partnerschaften ausverhandelt werden oder mit Promotion-Codes (also einem Affiliate-Programm) gearbeitet wird: Jegliche Art des Vergütungsmodelles muss sich immer an den Markenwerten und den Kommunikationszielen orientieren. Eine wichtige Botschaft war: „Social Communication“ bedeutet nicht, dass es nebenher ohne Strategie und ohne Erfolgsmessung stattfindet. In der Zusammenarbeit mit Influencer:innen gilt es also, gemeinsame Ziele zu definieren, um anschließend die Kooperation zu bewerten.

Bei der Auswahl der passenden Influencer:innen kann eine Checkliste mit Schlüsselkriterien helfen. Diese Checkliste wird sich mit der laufenden Erfahrung erweitern und immer besser zum gewünschten Output führen. Praktische Leitfäden und Orientierungshilfe in Bezug auf Messgrößen (Key Performance Indicators) gibt es auf diversen Marketingportalen wie zum Beispiel Hubspot oder Online Marketing Rockstars.

Das Kollektiv hat oft gute Erfahrungen mit Micro-Influencer:innen gemacht. Auch in diesem Bereich gilt: wer ausprobiert, gewinnt! Manchmal ist die Erwartung größer als der tatsächliche Output, andere Male wird man von den Ergebnissen positiv überrascht sein. Ein Learning das an dieser Stelle gerne weitergegeben wird: Kontrolle ist besser als blindes Vertrauen – vor allem, wenn man zum ersten Mal zusammenarbeitet. Content sollte also vor Veröffentlichung freigegeben werden – dies also unbedingt so vereinbaren!

In der Session von Martina Wiesenbauer-Vrublovsky stand die Zusammenarbeit mit Influencern zur Diskussion. Foto: Jasmin Walter Photography

In der Session von Martina Wiesenbauer-Vrublovsky stand die Zusammenarbeit mit Influencern zur Diskussion. Foto: Jasmin Walter Photography

Session 7 – Bei immer komplexeren Marketingthemen Zeit und Ressourcen sparen? Die Pitchpine-Methode schließt die Lücke und erleichtert das Leben für Marketingverantwortliche und Unternehmer.

Agentur: Ja oder nein? Das Briefing an eine Agentur wird vor allem bei kleineren Unternehmen als kompliziert empfunden. Bis die fachlichen Informationen von der Agentur verstanden sind, könnte man die Kommunikation gefühlt auch schon selber machen. Im Grunde ist diese Überlegung vielleicht nicht falsch, allerdings scheitert die Kommunikation von internen Abteilungen oft daran, dass das Thema „Kommunikation“ unter all den anderen ToDos untergeht und von der Priorität her eher hintenangestellt wird. Um den Mehrwert von Agenturen zu nutzen, muss es klare Ziel- und Aufgabendefinitionen geben. Alexandra Richter (Agentur Richter) weiß, was die Basis für eine effiziente Zusammenarbeit ist: Unternehmensinterne Klarheit und ein unikates Lösungsdokument für Agenturbriefings. Ist der Markenkern definiert und sind die Kommunikationsziele klar? Dann ist der richtige Zeitpunkt mit einem Kreativdienstleister ins Gespräch zu kommen. Budgets und Leistungsumfang festlegen, damit die Erwartungshaltung realistisch ist.

Welche Agentur mit ins Boot geholt wird, hängt von ihren Aufgaben ab. Braucht man jemanden für die strategischen Fragen oder Hilfe in der Kreation? Was kann intern abgehandelt werden, wofür holt man externe Unterstützung? Sollten dann Kreativ-Dienstleister engagiert werden, startet man am besten mit kleineren Projekten und testet die Zusammenarbeit. Ob mit oder ohne Agentur: Kommunikation erfordert Ressourcen. Und vergessen wir an dieser Stelle nicht, dass Agenturen immer auch den wertvollen Blick von außen einbringen.

NaturkosmetikCamp 2021, Foto: Jasmin Walter Photography

NaturkosmetikCamp 2021, Foto: Jasmin Walter Photography

Du möchtest noch einmal die Highlights aus den Sessions in Raum 2 nachlesen? Hier bekommst du einen Einblick.

Außerdem haben alle Teilnehmer:innen Zugang zum geschützten Bereich mit allen Mindmaps der einzelnen Sessions.