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Rohstoffe, One Stop Shop, Naturdüfte, Selbstliebe, etc. Die NaturkosmetikCamp-Themen aus Raum 2

Den ersten persönlichen Austausch beim NaturkosmetikCamp in Präsenz nach langer Zeit haben die Teilnehmer:innen direkt für spannende Themen genutzt. Hier tauschte man sich zu One Stop Shop-Möglichkeiten sowie Rohstoff-Innovationen aus. Auch Nachhaltigkeit als Unternehmensstrategie und Produkttransparenz standen am Programm. Sessions zum „neuen“ Schönheitsbild und Selbstliebe sowie zu Naturdüften waren ein richtiges Erlebnis für alle Sinne, aber lest selbst.

Angeregte Diskussionen beim NaturkosmetikCamp 2021. Foto: Jasmin Walter Photography

Angeregte Diskussionen beim NaturkosmetikCamp 2021. Foto: Jasmin Walter Photography

Einige der Themen, die beim NaturkosmetikCamp 2020 online auf dem Programm standen, wie z.B. nachhaltige Verpackung, wurden in den Folgemonaten bei Focus Meetings auf Zoom vertieft. Vieles klappt also auch auch online. Vieles, aber nicht alles. Ein Beispiel? Parfums „blind“ verkosten und dabei lernen, die verschiedenen Duftkomponente zu unterscheiden. Ein weiteres Beispiel? Dem Sitznachbarn tief in die Augen schauen und ihm sagen, dass sein gepflegter Bart sehr attraktiv ist. Auch das, aber nicht nur, durften die Teilnehmenden beim NaturkosmetikCamp 2021 wieder in Präsenz in Raum 2 erleben

Session 1 – Die Chance des Fachhandels liegt im One Stop Shop-Erlebnis

Was ist denn damit gemeint? Ihr kennt bestimmt den Claim einer deutschen SB-Kette, der ungefähr so lautet „Du gehst einmal hin und findest all das, was du im Alltag so brauchst“. Dieses Konzept erfreut sich spätestens seit Beginn der Pandemie großer Beliebtheit. Könnte sich der Naturkostfachhandel – der während Corona insgesamt stark gewachsen ist –entsprechend positionieren? Und dafür sorgen, dass Kunden nicht nur ihr frisches Gemüse, sondern auch ihre Cremes und Shampoos im Bioladen kaufen? Diese Fragen kamen in der Session von Nele Winkler (Weiling) und Stephan Becker (GRN) auf. Zunächst fielen die Stichworte „Persönliche Ansprache und Beratung“ und „Arbeiten mit emotionellen Markenbildern“.

Werden die Verbraucher:innen im konventionellen Handel aber viel besser beraten? Nicht unbedingt. Was jedoch im Lebensmitteleinzelhandel besser zu klappen scheint, ist die Orientierung des Kunden. Die Ware ist nach Zielgruppe, Preissegment und Anwendungsbereich sortiert. Und im Naturkostladen? Viele Verbraucher:innen wissen nicht einmal, dass es Preiseinstiegsmarken überhaupt gibt und sind eher bereit, für frisches Gemüse zu bezahlen als für „teure“ Kosmetik. Da geht also noch was!

Nele Winkler und Stephan Becker luden als Session-Leiter:innen die Teilnehmer:innen zur gemeinsamen Diskussion ein. Foto: Jasmin Walter Photography

Nele Winkler und Stephan Becker luden als Session-Leiter:innen die Teilnehmer:innen zur gemeinsamen Diskussion ein. Foto: Jasmin Walter Photography

Session 2 – Welche Werte und Leitbilder beeinflussen Rohstoff-Innovationen unserer Zukunft?

Egal ob Aloe Vera oder Arganöl. Früher musste ein Rohstoff exotisch klingen, um als „neu“ wahrgenommen zu werden. Die Werte haben sich seitdem jedoch verändert. Welche Attribute muss heutzutage ein neuer Kosmetikstoff erfüllen? Nachhaltig sein, logisch. Aber was ist besser? Lokal bzw. regional hergestellte Rohstoffe? Oder eine ressourcenschonende Mischkultur in einem fernen Land, die aber auch zur Entwicklung der örtlichen Community beiträgt? Oder beides? Die Diskussion ist nicht neu, aber noch hochaktuell, meint Session-Leiterin Andrea Wingenfeld (Ashland Specialties Deutschland). Wichtig ist auch, dass die Innovation leicht zu kommunizieren ist, z.B. durch Geschichten, die den Hersteller in den Mittelpunkt stellen.

Andrea Wingenfeld diskutierte mit den Teilnehmer:innen über Rohstoff-Innovationen. Foto: Jasmin Walter Photography

Andrea Wingenfeld diskutierte mit den Teilnehmer:innen über Rohstoff-Innovationen. Foto: Jasmin Walter Photography

Session 3 – Alle reden von Produkttransparenz! Wie kann die Naturkosmetik ihre besondere Qualität vermitteln?

Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Sessions durchzog, war „Transparenz“. Möchten alle Kunden genau wissen, was in der Creme drin ist? Oder nur bestimmte Kunden? Und welche Instrumente brauchen diese qualitätsaffinen Kunden? Eine Verbraucherplattform wie „Kosmetikanalyse“, meint der Session-Leiter Günther Reichelt. Dort finden angemeldete Konsument:innen sachliche Bewertungen zu den Inhaltsstoffen ihrer Lieblingsprodukte. Die Hersteller, die im Portal gut abschneiden, könnten und sollten ihre positiven Bewertungen aggressiver in ihrem Marketing, Social Media usw. einsetzen, so Günther.

Doch wer legt die Kriterien fest und können wir davon ausgehen, dass gute Naturkosmetikprodukte nicht benachteiligt werden, weil sie umstrittene Stoffe (Algen, Palmöl usw.) enthalten? Müsste es nicht ausreichen, die Produkte zertifizieren zu lassen? Diese Session war umso spannender dadurch, dass mehrere Meinungen vertreten waren.

Günter Reichelt stellte eine Plattform für mehr Produkttransparenz vor. Foto: Jasmin Walter Photography

Günter Reichelt stellte eine Plattform für mehr Produkttransparenz vor. Foto: Jasmin Walter Photography

Session 4 – Was ist Schönheit? Was haben Schönheit und Selbstliebe – sich selbst eine gute Freundin zu sein – miteinander zu tun?

Das war nun die Session, bei der wir unsere Sitznachbarn begutachten durften. Mit dieser Übung war das Eis schon mal gebrochen. Danach reflektierten wir, was wir an UNS schön finden. Dabei wurde klar, dass Schönheit mehrere Ebenen umfasst. Einerseits die „Hülle“, der wir seit dem Ende der Ausgangssperre und Maskenpflicht endlich wieder mehr verwöhnen können (endlich wieder Lippenstift!). Andererseits die inneren Werte, die unsere Ausstrahlung prägen.  Und im Unternehmen? Da herrschen im Moment krasse Gegensätze. Die einen sind auf den Zug „Body-Positivity“ aufgesprungen, die anderen setzen weiterhin eher auf klassische Schönheit im Sinne von „Abwesenheit von Asymmetrien“, erklärte Sessionleiterin Schareska Antequera de Friebertshäuser von amo como soy.

Wie sollte die Botschaft der Naturkosmetik lauten? Anstatt körperliche Merkmale verteufeln zu wollen, sollten wir Konsumentinnen helfen, ihre natürliche Schönheit zum Strahlen zu bringen und entsprechend kommunizieren. Ein Beispiel: „Happy-Aging“ statt „Anti-Aging“ setzt.

In ihrer Session lud Schareska Antequera de Friebertshäuser ein, über das unterschiedliche Verständnis von Schönheit nachzudenken. Foto: Jasmin Walter Photography

In ihrer Session lud Schareska Antequera de Friebertshäuser ein, über das unterschiedliche Verständnis von Schönheit nachzudenken. Foto: Jasmin Walter Photography

Session 5 – Duftender Luxus? Aber natürlich! Die Duftreise 2021

Jetzt wird’s knifflig. Wie soll ich denn bitte die Parfums aus Bodos Session für euch beschreiben? Ich könnte ein paar Adjektive, wie „herb“, „süßlich“ oder „blumig“ nennen, aber würden wir uns dann wirklich verstehen?

Zum Glück stehe nicht nur ich vor diesem Dilemma. Parfumeure und deren Händler stehen tagtäglich vor der Herausforderung, Düfte und Noten aussagekräftig für die Endkonsument:innen beschreiben zu müssen. Als Übersetzerin bin ich auch schon mal ins Schwitzen gekommen, als es darum ging, „Duftbilder“ in eine andere Sprache zu übertragen.

Die international gültige Duftpyramide leistet eine Orientierungshilfe. Was auch hilft, ist den Duft mit etwas zu vergleichen, den man kennt. „Grüne“ Noten erinnern z.B. an Wald und Natur.
Bei der Duftreise zeigte uns Bodo Kubartz (Passion & Consulting) nicht nur duftende Pflanzen, sondern auch spannende Verkaufsstrategien der Duftmarken.

In der "Erlebnis-Session" von Bodo Kubartz konnten Düfte "blind" erraten werden. Foto: Jasmin Walter Photography

In der „Erlebnis-Session“ von Bodo Kubartz konnten Düfte „blind“ erraten werden. Foto: Jasmin Walter Photography

Session 6 – Nachhaltigkeit als Unternehmensstrategie

In Zeiten von „Fridays for Future“ wollen stets mehr Unternehmen nachhaltiger handeln. Dabei wird jedoch viel zu oft „das Pferd von hinten aufgezäumt“ meint Session-Leiterin Sophie von Lilienfeld-Toal (GfaW). Stattdessen wäre es sinnvoller, eine Strategie zu erarbeiten, die mehrere Aspekte – wie etwa Rohstoffe, Verpackung, Lieferkette, Arbeitswelt usw. – berücksichtigt und dann klare, messbare Ziele zu definieren. Oder sich auf nur einen Aspekt zu konzentriert, diesen dann aber konsequent umsetzen.

Die passenden Hilfestellungen sind auf jeden Fall da. Erwähnt wurden unter anderem kostenlose Checklisten und Leitfäden für Nachhaltigkeitsberichte, aber auch aussagekräftige Kennzahlen (z.B. Anteil an natürlichen Rohstoffen, die verarbeitet werden), die eine Orientierung leisten sollen.

Sophie von Lilienfeld-Toal gab einen Einblick, wie Nachhaltigkeit in die Unternehmensstrategie implementiert werden kann. Foto: Jasmin Walter Photography

Sophie von Lilienfeld-Toal gab einen Einblick, wie Nachhaltigkeit in die Unternehmensstrategie implementiert werden kann. Foto: Jasmin Walter Photography

Session 7 – Tierische Rohstoffe in der Naturkosmetik – ein Tabu in der heutigen Zeit?

Anscheinend ja, unter anderem für viele Veganer:innen. Zu Unrecht, meint aber der Geschäftsführer von LanEsters, Andrew Kawalec. Denn gute, wirksame tierische Produkte einzusetzen, heißt nicht gleich, Tiere zu quälen. Bei LanEsters wird das Wohlergehen der Schafe, die u.a. Recht auf ein unbeschwertes Leben haben, großgeschrieben.

Der charmante Brite brach nicht nur eine Lanze fürs Lanolin als Heilmittel, sondern gab auch ehrliche Einblicke in die Herausforderungen einer verfrachteten Branche – die ihn jedoch lange nicht davon abhalten, weiterhin auf Lanolin und gute tierische Inhaltsstoffe zu setzen.

Andrew Kawalec gab einen interessanten Input zu Lanolin. Foto: Jasmin Walter Photography

Andrew Kawalec gab einen interessanten Input zu Lanolin. Foto: Jasmin Walter Photography

Als Teilnehmer:in kommst du hier über den geschützen Bereich zu den Mindmaps. Einen Einblick in die Sessions aus Raum 1 gibt es nächste Woche.