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Auch kleine Naturkosmetik-Marken haben große Chancen! Elke Hockauf von Authentic Eco im Gespräch

Persönlichkeit und klare Werte – das zeichnet laut Elke Hockauf von Authentic Eco kleine Naturkosmetik-Marken aus. Und damit können sie sich auch von den Großen abheben. Warum lohnt es sich jetzt besonders, kreativ zu sein und auf digitale Lösungen zu setzen? Und wie sieht der internationale Markt derzeit aus? Wie sich klassische Vertriebsstrukturen ändern und welche Vorteile ein internationaler Markenausbau auf digitalem Weg mit sich bringt, verrät die engagierte Naturkosmetik-Expertin im Interview.

Kleine Naturkosmetik-Marken können sich durch ihre klaren Werte von den Big Playern abheben. Foto: Adobe Stock/Strichfiguren.de

Kleine Naturkosmetik-Marken können sich durch ihre klaren Werte von den Big Playern abheben. Foto: Adobe Stock/Strichfiguren.de

Wie hat die Pandemie kleine Naturkosmetik-Marken getroffen?

Trotz der Pandemie ist der Umsatz mit Naturkosmetik im letzten Jahr in Deutschland um 5,7% gestiegen. Quelle: The NEW Naturkosmetik Branchenmonitor 2020. Allerdings hat die Pandemie eine Verlagerung der Verkäufe in den E-Commerce ausgelöst. Durch geschlossene Läden und Kosmetikstudios haben jene kleine Marken Umsatzeinbrüche hinnehmen müssen, die im Vorfeld der Pandemie ihre Online-Vertriebskanäle vernachlässigt hatten. Im Vorteil waren dagegen beim Ausbruch der Pandemie Marken, die bereits Omnichanel-Lösungen umsetzten.

Positiv ist inzwischen zu vermerken, dass viele kleine Naturkosmetik-Marken beim Online-Angebot nachziehen und zusätzlich ihre Kreativität neu entdecken. Onlineschulungen, Workshops und Meetings über Videochat-Software sind Teil der neuen Normalität geworden. Mutige Konzepte für mehr Sichtbarkeit entstehen. Auch kleine Naturkosmetik-Marken nutzen nun die vielfältigen Möglichkeiten der Sozialen Medien mit steigender Tendenz.

Worin siehst du die Chancen und Vorteile von kleinen Naturkosmetik-Labels gegenüber den Big Playern?

Kleine Naturkosmetik-Marken überzeugen mit Persönlichkeit und klaren Werten. In der Regel stehen hinter diesen Labels Menschen mit einer spannenden Geschichte, die erzählt werden möchte. Es war noch nie so einfach wie heute, andere Menschen mit diesen Geschichten emotional zu erreichen. Ich denke, dass das die Change unserer digital vernetzten Welt für jede kleine Naturkosmetikmarke ist.

Mit geringem Aufwand kann man gleichgesinnte Menschen rund um den Globus erreichen. So findet man leicht die Kund*innen, die die speziellen Produkte der Marke mögen, deren Wertvorstellungen teilen und ihre Vision unterstützen möchten. Authentizität, Transparenz, Nachhaltigkeit und faires Business werden den Menschen weltweit immer wichtiger. Das können kleine Naturkosmetikmarken sehr gut nutzen. Sie sind greifbar, glaubwürdig und haben viel zu erzählen. Die Sozialen Medien bieten die optimale Plattform dafür. Menschen kommunizieren lieber mit Menschen über die Dinge, die sie bewegen. Gesunde Körperpflege und die Verantwortung für unseren Planeten stehen dabei ganz oben auf der Liste.

Mit kurzen Entscheidungswegen durch flache Hierarchien sind kleine Naturkosmetikmarken zusätzlich klar im Vorteil, wenn schnelle Reaktionen gefragt sind. Sie können in kurzer Zeit sehr viel bewegen, vorausgesetzt, sie erkennen das und nutzen diese Chance.

Du kennst nicht nur den deutschsprachigen Markt für Naturkosmetik. Welche Länder sind aktuell ein guter Markt für neue, kleine Naturkosmetik-Marken. Hast du Beispiele?

Für kleine Marken sind die Märkte am interessantesten, in denen sich experimentierfreudige Menschen bewegen, sowohl auf den Vertriebswegen als auch auf Käufer*innenseite. Deutschland als der größte Naturkosmetik-Markt weltweit mit 10% Naturkosmetik-Marktanteil ist schwerfällig und daher ein herausforderndes Terrain.

Das Interesse an nachhaltiger und natürlicher Kosmetik wächst jedoch rund um den Globus. Die Chance, in anderen Märkten genau die richtige Nische mit seiner Marke zu treffen, gibt es durchaus. In Asien entwickelt sich der Naturkosmetikmarkt laut Ecovia Intelligence derzeit am stärksten. Die Nase vorn hatte im letzten Jahr China, obwohl es von vielen Marken aus ethischen Gründen boykottiert wird.

Der Naturkosmetik-Markt in Asien entwickelt sich derzeit besonders stark. Foto: Adobe Stock/imtmphoto

Der Naturkosmetik-Markt in Asien entwickelt sich derzeit besonders stark. Foto: Adobe Stock/imtmphoto

Auch der russische Naturkosmetikmarkt wächst schnell und mit einem besonders hohen Interesse an zertifizierter Naturkosmetik. Marken wie Oceanwell, Speick oder i+m sind hier bereits gut aufgestellt. In Brasilien hat die Naturkosmetik Make-Up Marke Baims mit brasilianisch-deutschen Wurzeln einen erstaunlichen Durchbruch geschafft.

Welche konkreten Schritte müssen kleine Marken gehen, um weiter wachsen zu können und neue Märkte zu erobern?

Den erfolgreichen Launch einer kleinen Naturkosmetik-Marke in einem neuen Markt beeinflussen viele Faktoren. Wichtig ist vor allem, ein solides Fundament auf dem Heimatmarkt zu haben, bevor man neue Märkte ansteuert. Das verfügbare Budget an Zeit, Energie und Geld sollte klar definiert und der Größe des Vorhabens angepasst sein. Eine gründliche Marktrecherche, Wissen über kulturelle Besonderheiten im Vertrieb und Marketing im Zielland sowie vertrauenswürdige Partner sind grundlegend. Außerdem bringt jeder neue Markt einen Berg an Bürokratie mit sich, der bewältigt werden muss. Für kleine Marken ist das ein enormer Aufwand.

Jede kleine Naturkosmetikmarke sollte sich daher fragen, ob der klassische Eintritt in einen anderen Markt wirklich die optimale Strategie für eine Markterweiterung ist. Oder könnte es sein, dass sie gerade Verkaufsstrategien der Big Player kopiert und dabei direkt vor der Nase liegende Chancen verpasst?

Auf welche Vertriebsstrukturen können sich kleine Marken aktuell einstellen?

Gerade für kleine NatuAuf der Plattform Authentic Eco von Elke Hockauf kann man sich mit gleichgesinnten Partnern und Kolleg*innen vernetzen. Foto: Hockauf

Gerade für kleine NatuAuf der Plattform Authentic Eco von Elke Hockauf kann man sich mit gleichgesinnten Partnern und Kolleg*innen vernetzen. Foto: Hockauf

Die klassischen Vertriebsstrukturen verändern sich gerade rasant. Neben dem weltweit möglichen Versand aus dem eigenen Onlineshop entwickelt sich derzeit auch der Vertrieb über digitale Marktplätze. Diese bieten professionelles Marketing, On-Demand-Strukturen und regionale Distributionszentren für ordnungsgemäße Abwicklung auf Grundlage der landesspezifischen gesetzlichen Regelungen an. Kleinen Naturkosmetikmarken erleichtert das den internationalen Vertrieb erheblich.

Ich denke, dass die von Konzernen geschaffenen Vertriebsstrukturen nicht mehr in die neue, nachhaltige, ressourcenschonende und faire Geschäftswelt passen, die sich gerade entwickelt. Als Marke muss ich heutzutage nicht mehr weltweit die Regale mit meinen Produkten füllen, um meine Zielkunden zu erreichen. Ein Großteil der Nachfrage kann digital aufgebaut und bedient werden. Das schont die Umwelt und ergänzt die regionale Präsenz. Kleine Marken könne ihre Besonderheiten voll ausspielen, wenn sie offen für neue, digitale Lösungen sind.

Eine gute Reputation und ein tragfähiges Netzwerk aus gleichgesinnten Partnern, flexibel, online und international, bieten Chancen für jede kleine Naturkosmetik-Marke.

Vielen lieben Dank, Elke Hockauf von Authentic Eco, für deine ausführlichen Antworten!