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Naturkosmetik ist absolute Emotion! Stephan Becker von GRN [GRÜN] über den Naturkosmetik-Fachhandel in Zeiten der Pandemie

Letztes Jahr stellte auch die Naturkosmetik-Branche vor neue Herausforderungen. In einem sehr offenen und persönlichen Interview spricht Stephan Becker, Geschäftsführer und Gründer von GRN [GRÜN] , über die aktuelle Situation im Fachhandel. Er nennt Maßnahmen, mit denen Naturkosmetik in Zukunft weitergebracht werden kann und macht damit Mut zum Dranbleiben.

Naturkosmetik ist pure Emotion! Foto: Adobe Stock/drubig-photo

Naturkosmetik ist pure Emotion! Foto: Adobe Stock/drubig-photo

Wie hat die Pandemie im letzten Jahr den Naturkosmetik-Fachhandel getroffen und vor welchen Herausforderungen steht er momentan?

Einerseits hatte der Naturkosmetikfachhandel den Vorteil, dass die Aktivitäten überwiegend innerhalb der Biosupermärkte/ Naturkostfachgeschäfte abgelaufen sind und somit theoretisch ununterbrochen verfügbar gewesen wären. Somit war zwar ein Großteil der POS geöffnet. Diese hatten aber sicherlich andererseits verstärkt mit den Produkten des täglichen und notwendigen Bedarfs zu tun. Das führte in vielen Fällen zu einer erheblich geringeren Betreuung und Pflege der Naturkosmetiksortimente (aus unserer Sicht betrachtet sind das die Make-up Produkte).

Außerdem verspürten die Menschen beim Einkaufen weniger Gelassenheit, sich um Kosmetik zu kümmern. Das typische Verweilen und Ausprobieren an einem Display für dekorative Kosmetik hat nur noch sehr eingeschränkt stattgefunden.

Eine weitere Herausforderung in den nächsten Monaten besteht somit sicherlich darin, dem Konsumenten den Freiraum und die Muße zu verschaffen, sich diesen Produkten wieder zu widmen. Das heißt aber im speziellen auch, eine Möglichkeit zu schaffen, sich mit den Produkten auseinanderzusetzen. Eine Situation ohne Tester wirkt dabei hemmend. Wir haben ein alternatives Testersystem mit Farbbeispielen entwickelt, das zumindest ein wenig mehr Nähe schaffen soll.

Aufsteller mit Testern von GRN [GRÜN]. Foto: GRN [GRÜN]

Aufsteller mit Testern von GRN [GRÜN]. Foto: GRN [GRÜN]

Wie ist deine Einschätzung? Hat der Naturkosmetik-Fachhandel auch Chancen ergriffen und steht er vielleicht sogar heute besser da als noch vor einem Jahr?

Ehrlich gesagt: nein, und das ist auch nicht zu erwarten gewesen. Wir sind uns schon bewusst, dass die Prioritäten anders verteilt werden mussten. Das Ganze war für alle in der Versorgungskette beteiligten Akteure ja bis jetzt auch eine logistische Herausforderung.

Welche Schritte sind deiner Meinung noch notwendig, um auch langfristig ein starkes Zeichen setzen zu können?

Aus meiner Sicht kann der Fachhandel jetzt auf einen ganz wichtigen Effekt setzen: die „One-Stop-Shop“ Lösung. Ein Biosupermarkt/Naturkostladen hat alle Möglichkeiten, einen Konsumenten in seinem Umfeld komplett zu versorgen – bis hin zu einer attraktiven Auswahl an Kosmetikprodukten. Grundsätzlich kann man erreichen, dass ein Konsument keine andere Einkaufsstätte mehr anlaufen muss. Für mich persönlich ein enormer Vorteil in der aktuellen Situation, nicht in eine Vielzahl an Geschäften gehen und mich immer wieder zusätzlichen Risiken aussetzen zu müssen. Und dieser Vorteil ist auch auf die Zukunft übertragbar.

Wie kann das in Zukunft erreicht werden?

Grundvoraussetzung hierzu ist jedoch, dass wir Überzeugung leisten können, die Naturkosmetik auf ein angemessenes Aufmerksamkeitsniveau in der Ladenorganisation zu heben. Erst, wenn die Naturkosmetik mit der gleichen Betreuungsintensität und Ressourcenzuordnung versehen wird, kann die Stärke dieses Sortimentes im Laden auch ausgespielt werden. Naturkosmetik ist schließlich enorm ertragreich – wenn man ihr die gleiche Aufmerksamkeit wie Obst, Gemüse etc. zukommen lässt.  Eine Wimperntusche kann nur verkauft werden, wenn sie auch im Display steht. Und Konsumenten können die Vorzüge dieses Sortimentes am besten verstehen, wenn man ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht. Wir reden ja nicht über 0,69€-Duschgele im Discount, sondern über hochwertige Produkte.

Da heute die Kauffrequenz der Naturkosmetik pro Kunde im Biofachhandel noch immer extrem gering ist, haben wir unglaublich viel Raum zu gewinnen. Einfache Maßnahmen können zu spürbaren Effekten führen – und das sollte Anreiz und Mut zum Weitermachen bieten.

Außerdem ist Naturkosmetik absolute Emotion! Leidenschaft und Wohlfühlempfinden charakterisieren die meisten Kosmetikprodukte. Eine Tomate mag ja recht nett sein, und Nudeln machen bekanntlich glücklich – ein Kosmetikprodukt aber erzeugt ganz andere Empfindungen – eben EMOTION. Wir können da durchaus von einem Erlebnis sprechen, auf das sich ein Konsument einlässt. All dies beginnt mit der Umgebungsbedingung und dem Rahmen, in dem man sich diese Produkte aussuchen soll.

Weiter geht es dann mit der Chance, Vorteile zu vermitteln, den Konsumenten auf eine „Reise“ mitzunehmen. Wenn wir uns darauf konzentrieren, diese Rahmenbedingungen zu verbessern, dann gelingt es dem Fachhandel über eine gesteigerte Kosmetikexpertise hinaus, die eigene Attraktivität gegenüber den Konsumenten zu steigern und damit nachhaltig erfolgreich zu sein.

Auch Naturkosmetik muss Aufmerksamkeit erzeugen. Foto: GRN [GRÜN]

Auch Naturkosmetik muss Aufmerksamkeit erzeugen. Foto: GRN [GRÜN]

Kannst du persönlich etwas Positives aus dieser aktuellen Krise ziehen – privat aber auch als Naturkosmetik-Marken-Inhaber?

Privat ist es eher so, dass ich den Charakter unserer Gesellschaft in den vergangenen Monaten deutlicher wahrgenommen habe – und das war nicht immer schön, aber dafür in manchen Fällen umso positiver. Man weiß, auf wen man sich verlassen kann, wer an einem Strang zieht und wo die Empathie völlig fehlt.

Als Naturkosmetik-Marken-Inhaber konnte ich aus der Situation viele Lerneffekte erzielen, aus denen wir in naher Zukunft einige Dinge ändern werden. Wichtig finde ich es generell, dass wir uns alle darauf besinnen, „wo wir zuhause sind“. Das lässt dann auch eine angemessene und gegenseitige Wertschätzung zu, die Grundvoraussetzung für eine gemeinsame Entwicklung ist.

Stephan Becker hielt auch beim NaturkosmetikCamp 2020 eine Session zum Thema Fachhandel. Foto: Screenshot NKC

Stephan Becker hielt auch beim NaturkosmetikCamp 2020 eine Session zum Thema Fachhandel. Foto: Screenshot NKC

Denkst du, dass diese Krise das breite Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Klima stärkt? Wenn ja, was macht dich zuversichtlich?

Es ist wie so oft, diejenigen, die nachdenken, können ihr Bewusstsein noch einmal schärfen und werden weitere Anstrengungen unternehmen, ihren Beitrag zu stetiger Verbesserung beizutragen. Auch die Beachtung und Orientierung an einer ressourcenschonenden Lebensweise, sowie das Bewusstsein für die eigene Bedürfnisqualität wird sich hoffentlich bei einer wachsenden Anzahl an Menschen auftun. Andere könnten sogar eher in vergangene Muster zurückgeworfen werden.

Vielen Dank, lieber Stephan Becker von GRN [GRÜN], für deine umfassenden Antworten!