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Der Wald als Kraftort – Dr. Bodo Kubartz im Interview mit Andrea Dahm und Anusati Thumm von Primavera

Noch mehr als sonst sehnen sich Menschen in der beschleunigten Zeit, die durch die Corona-Pandemie vermutlich nur kurz eine Phase der Kontemplation erfährt, nach (Erd-)Verbundenheit, Entschleunigung und Entspannung. Es mag kein Wunder sein, dass nun in der Zeit von Covid-19 das Beruhigende, Stärkende und Erdverwachsene einen noch größeren Reiz auf uns ausübt.

Der Wald als Kraft- und Heilort. Foto: PRIMAVERA LIFE

Der Wald als Kraft- und Heilort. Foto: PRIMAVERA LIFE

Ein Ort, der mit diesen Qualitäten verbunden ist, ist der Wald. Bäume erfahren in den letzten Jahren viel Andacht und Widmung in Populärtheorie und Praxis – mal als ausgeklügelte Kommunikationsagenten im Netzwerk Wald (Stichwort: geheime Agenten, Peter Wohlleben), mal als Kraftspender (Stichwort: ‚tree hugging’). Der Wald fungiert als idealisierter Sehnsuchtsort, Kraft- und Heilort.

Gleichwohl diktiert ein anderer Diskurs das Thema: Klimawandel und Waldsterben schwingen im Austausch über den Wald immer mit. Kulturell wie forstwirtschaftlich wird festgestellt, dass wir seit seit einigen Jahren einen dramatischen Wandel erleben. Experten stellen dem Wald ein schlechtes Gesundheitszertifikat aus: dringende Erholung empfohlen! Damit sind wir gleich mittendrin im Schnittfeld unterschiedlicher Betrachtungen und Fokussierungen. Wie kann der Wald der Zukunft also nachhaltig genutzt werden?

Dem Wald und seinen diversen Hölzern kann man dabei auch olfaktorisch begegnen. Wie ist der Wald geruchlich zu entdecken und wahrzunehmen? Wie findet zugleich nachhaltiges Wirtschaften statt? Die Widmung des Themas durch Primavera und das Gespräch mit Anusati Thumm und Andrea Dahm verdeutlicht: Die beiden oben in aller Kürze angerissenen Diskurse (der Wald als kraftvoller Heilort und der Wald im Wandel) hängen durchaus zusammen.

„Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt“ – Khalil Gibran

Das Thema „Wald“ ist für Primavera schon eine Zeit lang relevant. Wie kam es zu diesem Fokus und warum spielt der Wald als „kraftvoller Heilort“ gerade jetzt eine Rolle?

Andrea Dahm: Seit mittlerweile 15 Jahren ist es uns wichtig, darauf hinzuweisen, dass ätherische Öle europäischer Bäume sehr wirksam, regional erhältlich und preiswerter sind als die Exoten unter den Baumölen wie Sandelholz, Rosenholz und Zeder. Durch bewusstes Lenken der Verbraucher durch Verkaufsempfehlungen in Bezug auf Kiefern und Tannen und Weglassen der Hinweise auf Rosenholz, Sandelholz etc. konnten wir bereits einiges hier zum Schutz dieser Arten bewirken.

Seit 2018 haben wir uns dem Thema Wald in besonderer Weise verschrieben. Die heilende und reinigende Kraft der Walddüfte auch zu Hause erlebbar zu machen und das Ökosystem Wald mit neuen Augen zu sehen, ist uns ein wichtiges Anliegen. Durch diese Bewusstseinsbildung möchten wir die Menschen dahingehend sensibilisieren, dass der Sehnsuchtsort Wald besonders schützenswert ist.

Anusati Thumm: Die Idee, Wald als Heilort zu fokussieren, entstand im Zusammenhang mit dem Thema Waldbaden und dem Thema der immunstärkenden Terpene und Terpenverbindungen. Sie gelten als besonders heilkräftig und entzündungshemmend. Sie werden von den Bäumen produziert, in den Nadeln eingelagert und wieder abgegeben. Ein Waldbesuch wirkt demnach wie eine aromatherapeutische Behandlung. Ätherische Baumöle eignen sich zur Keimreduzierung, zum tieferen Durchatmen und zum Stressreduzieren. Kranken bringt der Waldduft zudem den Wald ins Krankenzimmer und damit verbundene positive Erinnerungen.

Lärche, Kiefer, Zeder – drei Beispiele aus dem Baumportfolio. Woher stammen die Stoffe, was bewirken die Öle?

Anusati Thumm: Die Lärche mit ihrem waldig-weichen und sanften Duft gilt als mystischer Baum und wird seit jeher von der Bergbevölkerung sehr verehrt. Das ätherische Öl befindet sich in den Nadeln und ist sehr besonders. Der Duft der Lärche unterstützt uns dabei, den Horizont zu erweitern und offen zu sein für Neues. Zeder und Zirbelkiefer gelten als Klassiker. Zirbelkiefer ist holzig-frisch und rein. Sie wird zur Verbesserung der Schlafqualität verwendet, da sie stärkend und beruhigend wirkt. Überhaupt ist das Schlafen heute Trendthema. Die Zeder mit ihrem warm-holzigen Duft dient zur Stärkung in diesen aufgewühlten Zeiten.

Zirbelkiefer wirkt stärkend und beruhigend und verhilft somit zu einem besseren Schlaf. Foto: PRIMAVERA LIFE

Zirbelkiefer wirkt stärkend und beruhigend und verhilft somit zu einem besseren Schlaf. Foto: PRIMAVERA LIFE

Wie geht Primavera auf Aspekte wie den Schutz des Waldes und damit zusammenhängende Aspekte wie Aufforstung und Naturwald ein?

Andrea Dahm: Unsere ätherischen Baumöle stammen entweder aus kontrollierter Wildsammlung oder aus Bio-Anbau. Für die Gewinnung der Öle wie Lärche, Kiefer, Douglasfichte, Weißtanne, Zirbelkiefer etc. (Ausnahme: Zeder) wird der Grünschnitt, das heißt Zweige und Äste, verwendet. Dieses Material fällt ohnehin an – etwa beim Beschneiden von Bäumen oder der Baumfällung, die die zuständige Forstbehörde freigibt. Waldbesitzer wie Destillateure profitieren: die Wälder werden aufgeräumt, die Ölhersteller dürfen kostenfrei das Pflanzenmaterial holen.

Unser Anbaupartner in Südtirol ist ein gutes Beispiel, denn er betreibt die nachhaltigsten Destillen überhaupt. Er sieht sich nicht nur als Anbieter ätherischer Öle, sondern als Landschaftspfleger. Er legt größten Wert darauf, dass die Pflanzen aus unberührten Anbaugebieten kommen, Ernten finden in Absprache mit der Forstbehörde statt, man arbeitet schonend, vieles in Handarbeit, und achtet auf geschlossene Kreisläufe. Alle Pflanzenteile finden Verwendung. Die nach der Destillation übrige Biomasse wird zum Heizen eingesetzt, das heiße Wasser aus der Destille speist die Fernheizung von zwei Hotels. Die Asche ist vom Landwirtschaftsinstitut zertifiziert und wird als idealer Naturdünger an die Bauern weitergegeben. Somit entstehen keine Abfälle, alles wird restlos verarbeitet.

Die Ernte und Destillation in Südtirol findet auf eine sehr nachhaltige Art statt. Foto: PRIMAVERA LIFE

Die Ernte und Destillation in Südtirol findet auf eine sehr nachhaltige Art statt. Foto: PRIMAVERA LIFE

Klimawandel, Dürren & Wassermangel, Borkenkäfer: Wald wird vielen Stressoren ausgesetzt und befindet sich seit geraumer Zeit in der Veränderung.

Andrea Dahm: Die Folgen des Klimawandel sind auch in den alpinen und in hochalpinen Gegenden, wo Bäume und Sträucher wie Zirbe, Weißtanne und Latsche zu Hause sind, sichtbar. Ernten finden immer in Absprache mit den Behörden der Forst- und Landwirtschaft und dem ansässigen Naturpark statt, die Forstbehörde übernimmt sogar einen Teil der Kosten für das Freischneiden.

Zusätzlich haben Südtirol und Österreich das Schlagen von Zirben seit zwei Jahren sehr stark reguliert, um unkontrolliertes Fällen dieser langsam wachsenden Bäume aufgrund der starken Nachfrage in den letzten Jahren einzudämmen. Das alles unterstützt PRIMAVERA sehr, auch wenn davon auszugehen ist, dass der Preis von Zirbenöl dadurch steigen wird.

Mehr über Anusati Thumm und Andrea Dahm:

Anusati Thumm. Foto: PRIMAVERA LIFE

Anusati Thumm. Foto: PRIMAVERA LIFE

Anusati Thumm ist international ausgebildete Aromaexpertin. Seit mehr als 30 Jahren Seminar- und Fortbildungsleiterin der Fachweiterbildung „PRIMAVERA Aromaexpert*in“. Sie organisiert und moderiert seit vielen Jahren Aromatherapie-Kongresse und leitet Duftreisen zu verschiedenen Anbauprojekten weltweit.

Andrea Dahm. Foto: PRIMAVERA LIFE

Andrea Dahm. Foto: PRIMAVERA LIFE

Andrea Dahm hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Biobranche mit dem Fokus Naturkosmetik und Aromatherapie. Bei PRIMAVERA LIFE, der Wegbereiterin und Marktführerin der Aromatherapie in Deutschland, gestaltet und verantwortet sie den Bereich Markenführung & Nachhaltigkeit. Seit 1999 wirkt die Diplom-Oecotrophologin maßgeblich an der Entwicklung des Allgäuer Bio-Pioniers mit.

Vielen Dank an Dr. Bodo Kubartz, Duft- und Parfummarktexperte von Passion and Consulting, für das Interview und diesen Beitrag.