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Fachhandel punktet mit Einkaufserlebnis und Beratung! Christiane Wegger, Bio am Platz in Tulln, im Interview

Christiane Wegger ist Inhaberin des Bio-Fachgeschäfts Bio am Platz in Tulln. Neben einer großen Bio-Lebensmittelabteilung und einem Bistro finden die Kund*innen bei Christiane auch eine gut sortierte Naturkosmetikabteilung. Dabei ist es ihr oberstes Gebot, voll und ganz hinter ihren Angeboten stehen zu können. Wir haben bei der engagierten Fachhändlerin nachgefragt, was ihr Antrieb war, ein eigenes Bio-Fachgeschäft zu eröffnen. Dabei hat sie uns verraten, wie sich ein Fachgeschäft von Drogerien und Online-Shops abheben kann.

Christiane Wegger (rechts) kümmert sich gemeinsam mit ihren Mitarbeiter*innen persönlich und mit Freude um die Wünsche ihrer Kund*innen. Foto: Bio am Platz

Christiane Wegger (rechts) kümmert sich gemeinsam mit ihren Mitarbeiter*innen persönlich und mit Freude um die Wünsche ihrer Kund*innen. Foto: Bio am Platz

Was war deine Motivation, ein Fachgeschäft für Biolebensmittel und Naturkosmetik zu eröffnen?

Für mich ist kochen mit biologischen Lebensmitteln eine Lebenseinstellung. Den Grundstein dafür hat meine Mutter schon in meiner frühesten Jugend gelegt. Als ausgebildete Ernährungsberaterin nach TCM und durch meine langjährige Tätigkeit im Biobereich, die letzten 8 Jahre davon als Teilhaberin eines Biofachgeschäftes, war es naheliegend, nach dem Ende der Teilhaberschaft ein eigenes Biofachgeschäft zu eröffnen. Da es für mich selbstverständlich ist, sich gesund und damit ausschließlich biologisch zu ernähren, ist es für mich auch selbstverständlich in der Körper- und Gesichtspflege bewusst auf Chemie und Zusatzstoffe zu verzichten. Beides ist die beste Basis für ein Biofachgeschäft mit einer Naturkosmetikabteilung.

Als unabhängiger Fachhandel hast du die Möglichkeit, frei zu entscheiden, welche Produkte du listest. Worauf legst du bei der Auswahl besonderen Wert? Und wie reagieren deine Kund*innen auf eventuelle Auslistungen?

Es gibt mehrere Faktoren, die entscheiden welche Marken in meiner Naturkosmetikabteilung Platz finden. Neben einer entsprechenden Zertifizierung sind vor allem das Produktangebot und die Qualität sowie die partnerschaftliche Beziehung wichtig. Kurzum, ich muss hinter dem Produkt und Partner stehen können.

Die Veränderungen in den letzten Jahren und die sich daraus ergebenden Eigentümerwechsel stellen vor allem die Wertehaltung immer mehr in den Vordergrund. Und dabei gibt es für mich keine Kompromisse. So hatte beispielsweise die Übernahme von Logocos durch L’Óreal für mich die Konsequenz, alle Logocos Marken, immerhin 11 Regalmeter, auszulisten. Es ging dabei nicht um die Qualität der Produkte. Die ist in Ordnung und wir sprechen gegenüber dem/r Kund*in auch niemals abwertet darüber. Es geht einfach darum, dass das Unternehmen L’Óreal nicht meiner Wertehaltung entspricht. Die gleiche Situation hatten wir mit dem Verkauf von Provamel an Danone sowie Pukka an Unilever. Wir haben unsere Kund*innen auf Facebook und im Geschäft transparent über unsere Entscheidung und Beweggründe informiert und dabei sehr viel positive Rückmeldung erhalten. Ein weiterer positiver Effekt war, dass wir keinen Umsatzrückgang zu verzeichnen hatten.

In der Kosmetikabteilung für Christiane Wegger in ihrem Bio-Laden nur zertifizierte Naturkosmetik. Foto: Bio am Platz

In der Kosmetikabteilung für Christiane Wegger in ihrem Bio-Laden nur zertifizierte Naturkosmetik. Foto: Bio am Platz

Was schätzen deiner Erfahrung nach Kund*innen am Fachhandel besonders?

In unserer Naturkosmetikabteilung gibt es nur zertifizierte Naturkosmetik. Das unterscheidet uns vom Drogerie- und Parfumeriehandel und darauf können sich unsere Kund*innen verlassen. Diese klare Abgrenzung bringt mit sich, dass wir in der Beratung einfach stärker sind. Unsere Mitarbeiter*innen müssen nicht Diener zweier Welten sein. Das schafft Authentizität die von Kund*innen immer mehr geschätzt wird.

Wie stehst du persönlich zum Thema Fachhandelstreue?

Der Fachhandel braucht Marken die Fachhandelstreu sind, fachhandelstreue Marken brauchen einen aktiven Fachhandel.

Gemeinsam können wir weiter kontinuierlich wachsen. Jeder Naturkosmetik-Marke muss bewusst sein, dass sie der Schritt in die Drogerie- und Parfumerieketten zu einem kurzen Profilierungsbeitrag der jeweiligen Kosmetikabteilung macht. Danach aber kommt der Verdrängungswettbewerb der einzelnen Marken im Regal. Ein Umstand, der den Konzentrationsprozess bei den Herstellern forcieren wird.

Corona hat auch vor dem Fachhandel nicht Halt gemacht. Wie hat sich die Situation auf die Bedürfnisse der Kund*innen ausgewirkt? Konntest du hier Veränderungen feststellen?

Die Nachfrage nach Desinfektionsmittel ist enorm gestiegen. Aber auch Seifen und vor allem Pflegeprodukte für die Hände haben zugelegt. Durch die Maskenpflicht ist der Absatz der dekorativen Kosmetik natürlich gesunken. Am Konsumverhalten an sich hat sich nichts wesentlich verändert.

Wir haben mit dir beim vergangenen NaturkosmetikCamp über die Zukunft des Handels diskutiert. Auf was sollte sich deiner Meinung der Fachhandel noch mehr konzentrieren, um langfristig gegenüber Drogerien und Online-Shops konkurrenzfähig zu sein?

Ein klares Sortimentskonzept und ein Einkaufserlebnis in Verbindung mit Beratungskompetenz. Ich bin überzeugt, dass der personalintensivere Fachhandel grade auch im Hinblick auf die Erfahrungen der letzten Monate Zukunft hat, denn wir Menschen sind soziale Wesen. Was gibt es schöneres, als einem/r Berater*in gegenüber zu stehen, der/die überzeugt ist von den Produkten die er/sie verkauft? So macht Einkaufen Spaß!

Vielen Dank, liebe Christiane Wegger, für deine Antworten und deine Energie und Überzeugung, die du in den Fachhandel steckst. Schön, dass du auch beim NaturkosmetikCamp 2020 mit dabei warst!