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Palmöl in der Naturkosmetik – Fluch oder Segen? Interview mit Wilfried Petersen

Inhaltsstoffe werden auch in der Naturkosmetik heiß diskutiert. Einer der Dauerbrenner ist dabei Palmöl. Wilfried Petersen, General Manager von Dr. Straetmans, hat sich diesem Thema im Rahmen seiner Session auf dem vergangenen NaturkosmetikCamp gewidmet. Wir haben bei ihm noch einmal zu den Inhalten seiner Session nachgehakt:

Palmöl: ein viel diskutierter Naturkosmetik-Rohstoff. Foto: ThKatz / Fotolia

Palmöl: ein viel diskutierter Naturkosmetik-Rohstoff. Foto: ThKatz / Fotolia

Wilfried, der Einsatz von Palmöl in Naturkosmetik ist ein kontroverses Thema, das schnell die Gemüter erhitzen kann. Ist Palmöl tatsächlich so schlecht wie sein Ruf? Und woher kommt überhaupt das schlechte Image?

Die Ölpalme wächst in Regionen, in denen ohne die Bewirtschaftung durch den Menschen die Vegetation durch tropischen Regenwald und Sumpfland dominiert werden würde. Traditionell wurden von den ansässigen Bauern kleine Flächen zur landwirtschaftlichen Nutzung urbar gemacht. Der Bedarf an Fetten und Ölen für die Nahrungsmittelindustrie, aber auch andere industrielle Anwendungen wie Schmierstoffe, ist seit der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts stetig gestiegen. In der Anfangszeit wurde der Bedarf aus Schlachtabfällen und im großen Maßstab durch den kommerziellen Walfang befriedigt. Nach und nach wuchs die Bedeutung von Ölsaaten wie Sonnenblume, Raps, Soja, Oliven oder der Ölpalme als nachwachsende und damit vordergründig nachhaltigere Rohstoffquelle.

Der rasch steigende Bedarf hat zu einer enormen Ausweitung der Anbaufläche geführt, was im Falle der Ölpalme schnell zu einem Konflikt zwischen den ökonomischen Interessen in den Anbauländern und dem Erhalt der ursprünglichen Wildnis mit der dazugehörigen Biodiversität führt.

Verbraucher fordern immer häufiger Rezepturen ein, die ohne Palmöl auskommen. Offensichtlich ist das aber nicht so einfach. Wo liegen die konkreten Herausforderungen?

Der Trend zu nachwachsenden Rohstoffen ist in der Kosmetikindustrie anhaltend stark. In den letzten Jahrzehnten sind große Fortschritte erzielt worden, petrochemische, also erdölbasierte Stoffe durch nachwachsende pflanzliche Ausgangsstoffe zu ersetzen. Dadurch enthalten nahezu alle Kosmetika mehr oder weniger große Anteile von aus Palm- oder Palmkernöl hergestellten Stoffen.

Das reine Öl wäre sehr leicht zu ersetzen, doch das wird, anders als in der Lebensmittelindustrie, in der Kosmetikindustrie ohnehin kaum eingesetzt. Palm(kern)öl kommt in Kosmetika in Form von mehr oder weniger stark veränderten Derivaten vor, bei denen Palm(kern)öl als Ausgangsmaterial für weitere chemische Veränderungen wie Verseifungen oder Veresterungen verwendet wird.

Die große Vielzahl dieser Verbindungen würde bei dem Versuch, konsequent auf Palmöl als Ausgangsstoff zu verzichten, dazu führen, dass die Auswahl an pflanzenbasierten Rohstoffen erheblich eingeschränkt wäre und ein eins-zu-eins-Ersatz nur in den seltensten Fällen möglich wäre.

Zudem ist es häufig gar nicht möglich klar zu sagen, ob ein Teil des Moleküls aus Palmöl hergestellt wurde. Als ein gutes Beispiel kann Glycerin genannt werden. Glycerin als wichtiger Baustein kosmetischer Rohstoffe kann sowohl aus Erdöl als auch aus der Verseifung beliebiger Fette gewonnen werden. Die Unterscheidung zwischen petrochemischem, tierischem oder pflanzlichem Glycerin ist bei der Beschaffung möglich. Die Pflanze, aus der pflanzliches Glycerin als Baustein in der weit verzweigten und relativ langen Lieferkette oleochemischer Derivate einmal gewonnen worden ist, ist hingegen häufig nicht mehr nachvollziehbar.

NaturkosmetikCamp 2018, Session "Palmöl-Zertifizierung vs. Palmöl-frei" mit Wilfried Petersen. Foto: NKC/Jasmin Walter Photography

NaturkosmetikCamp 2018, Session „Palmöl-Zertifizierung vs. Palmöl-frei“ mit Wilfried Petersen. Foto: NKC/Jasmin Walter Photography

Ist palmölfreie Naturkosmetik dann überhaupt DIE Lösung? Welche weiteren Folgen hätte es, wenn die Branche tatsächlich komplett auf Palmöl als Rohstoff verzichten würde?

Zunächst einmal ist festzustellen, dass der Ersatz von Palmöl durch andere nachwachsende Ölsaaten das Problem ohnehin nicht löst sondern lediglich verlagert. Die Ölpalme ist mit einem Hektarertrag von knapp 4 Tonnen Öl pro Hektar Anbaufläche die mit Abstand ergiebigste pflanzliche Ölquelle. Der Hektarertrag der nächstbesten Ölsaat Raps ist ca. fünfmal niedriger. Man bräuchte also mindestens die fünffache Agrarfläche, wollte man Palmöl komplett durch andere Ölsaaten ersetzen, wodurch ebenfalls tiefgreifende ökologische Probleme entstehen würden, nur eben in anderen Regionen der Erde. Im Jahre 2016 wurde ca. 41% des weltweiten Bedarfs an Pflanzenölen durch Palm- und Palmkernöl gedeckt, dafür jedoch nur 7% der gesamten für die Ölgewinnung eingesetzten Agrarfläche benötigt. Zudem benötigt der Anbau von Ölpalmen die geringsten Mengen an Wasser, Düngemitteln und Pestiziden im Vergleich aller Ölsaaten.

Andererseits ist der Bedarf der weltweiten Kosmetikindustrie an pflanzlichen Ölen, gemessen am Gesamtbedarf, verschwindend klein. So oder so hat der Verzicht auf Palmöl in der Kosmetikindustrie also nur einen symbolischen Wert. Ein hypothetischer vollständiger Umbau von Palmöl auf Rapsöl für Kosmetikrohstoffe würde weder zu ökologischen Problemen durch Raps-Monokulturen noch zur Rettung der Regenwälder führen. Es wäre aber eine falsche Haltung diesen Umbau nur deshalb zu propagieren, weil er vom Volumen her keine Konsequenzen hätte, für andere volumenträchtigeren Industrien wie die Lebensmittelindustrie aber keine Option darstellt. Die Mitverantwortung für das Problem Palmöl lässt sich nur in ganzheitlichen Ansätzen wahrnehmen. Dazu gehört sowohl die Fehlentwicklungen beim ungehemmten Ausbau der Anbauflächen vor Ort zu bekämpfen, z. B. durch Förderung von Kleinbauernprojekten in der Region, als auch die Forschung und Nutzung wirklicher Alternativen, die Nachhaltigkeitsprobleme nicht nur von A nach B verlagern.

Ein kompletter Verzicht auf Palmöl scheint also keine sinnvolle Lösing zu sein. Welche alternativen Ansätze gibt es stattdessen?

Kurzfristig stellt trotz aller im Umlauf befindlicher Kritik die Umstellung auf RSPO-zertifiziertes Palmöl den ersten Schritt in die richtige Richtung dar. Der Hebel durch diese sektorübergreifende Initiative ist eben viel größer als jede auf die Kosmetikindustrie begrenzte Aktivität. Hier kann die Kosmetikindustrie eine Vorreiterrolle einnehmen. Durch die bereits beschriebene Komplexität bei der Herstellung oleochemischer Derivate bedeutet das anstelle des Verzichts auf Palmöl, aktiv auf Mass-Balance zertifizierte Derivate einzukaufen, selbst wenn diese Maßnahme dem Verbraucher nicht leicht zu vermitteln ist. Verantwortung zu übernehmen bedeutet eben auch das Richtige zu tun, selbst wenn es nicht populär auszuschlachten ist. Die Erkenntnis, dass das Warten auf die Aufklärung der Verbraucher mit der Entwicklung eines entsprechenden Bedarfs der Konsumenten zu lange für die Lösung der bestehenden Problem dauert, hat große deutsche Einzelhandelsketten dazu veranlasst, diesbezüglich eigene Anforderungen an die Zertifizierung von palmölhaltigen Produkten ihrer Lieferanten zu stellen, ohne diese Maßnahme dem Verbraucher zu vermitteln.

Langfristig wird das Problem des Schutzes von Biodiversität und der Bekämpfung des Klimawandels nur durch clevere Nutzung aller Ressourcen gelöst werden. Als Alternative für Palmöl als oleochemischen Rohstoff bietet sich zukünftig entweder die Erzeugung von Biomasse durch die Nutzung schnellwachsender Algen, Larven oder Hefen, die mikrobiologische Verwertung von kommunalem Abfall zu Wertstoffen oder die großindustrielle Nutzung von Kohlendioxid unter dem Stichwort „Carbon Capture and Utilization“, CCU, an.

Du hast eben das Feld der Kommunikation gegenüber den Verbraucher angesprochen. Wie kann es gelingen, den Konsumenten die verschiedenen Facetten von Palmöl in der Öffentlichkeitsarbeit nahezubringen?

Hier liegt ein großes Problem. Trotz zielgerichteter Information, z. B. durch die WWF-Broschüre „Auf der Ölspur“ oder die Bemühungen des „Forum nachhaltiges Palmöl“ ist die Reichweite dieser Kommunikation viel zu gering. Der Verbraucher hat zwar die theoretische Möglichkeit, sich umfassend und detailliert zu informieren, erreichen tun ihn jedoch häufig nur die schlimmen Schlagzeilen zum Thema Palmöl. Für tiefergehende Informationen und reflektierte Schlussfolgerungen bei dieser Thematik ist die Zeit oft zu knapp, und das führt dann eben zu der Forderung nach palmölfreien Produkten.

Herzlichen Dank für diesen differenzierten Einblick zum Thema Palmöl, Wilfried Petersen!