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ISO 16128: Dr. Manuel Neumeier und Dr. Reinhold Brunke von ICADA beziehen im Interview Position

Die ISO 16128 ist ein äußerst kontrovers diskutiertes Thema der letzten Jahre. Auch beim NaturkosmetikCamp wurde diese weltweite Norm schon behandelt. Weil uns als objektives Medium verschiedene Positionen wichtig sind, haben wir nun mit Dr. Manuel Neumeier (für Naturkosmetik-Label ICADA-natural) und Dr. Reinhold A. Brunke (für ISO 16128) von ICADA gesprochen.

ISO 16128: Dr. Manuel Neumeier und Dr. Reinhold Brunke von ICADA beziehen Position. Foto: NKC

ISO 16128: Dr. Manuel Neumeier und Dr. Reinhold Brunke von ICADA beziehen Position. Foto: NKC

Es gibt bereits einige Naturkosmetik-Siegel, die der geübte Verbraucher auch schon gut zuordnen kann. Welche Vorteile bietet Ihrer Meinung nach die ISO-Norm?

Dr. Brunke: Bereits kurz nachdem die weltweit erste Norm für Naturkosmetik von Experten aus unseren Reihen 1997 initiiert, entwickelt und mit allen wichtigen Vertretern der Branche marktreif gemacht wurde, traten Nachahmer auf und führten so zu Zeichen-Wirrwarr. Es ist mehrfach nachgewiesen, dass Handel und Verbraucher dieses Wirrwarr nicht verstehen. Die damalige wie heutige Forderung lautet daher „eine weltweit einheitliche Norm für Natur- und Bio-Kosmetik“.

Darüber hinaus sind die von Ihnen angesprochenen Naturkosmetik-Zeichen lediglich in Europa bekannt. Auf dem amerikanischen Kontinent, in Asien und Australien kennt man die Zeichen nur wenig. Außerhalb von Europa sind aber ISO-Normen üblicher Standard und hier wird auch die ISO 16128 für Bio- und Naturkosmetik wertgeschätzt und protegiert.

Unserer Erfahrung nach kann der Großteil der Verbraucher die gängigen Naturkosmetik-Zeichen nicht unterscheiden, was den Inhalt der jeweiligen Standards und vor allem die erlaubten Rohstoffe betrifft. Hier bietet die ISO 16128 den Vorteil, dass nach der Berechnung der entsprechenden Kennzahlen (Indizes) mit einfachen Zahlen der Naturgehalt und Biogehalt der Produkte transparent und verständlich gemacht werden kann. Dies bietet dem Verbraucher eine sehr einfache Orientierung, wie natürlich das jeweilige Produkt ist.

Die ISO 16128 wird in der deutschsprachigen Naturkosmetik-Szene sehr kontrovers diskutiert. Ist dieser Widerstand gerechtfertigt?

Dr. Brunke: Der Widerstand ist nicht gerechtfertigt; dabei geht es mutmaßlich unter anderem um die Verteidigung kommerzieller Interessen, wie der Lizenzeinnahmen für Labels und Bedeutung der Lizenz-Verbände. Zudem empfinden wir die Diskussion nicht als kontrovers, denn die Gegner der ISO haben, unserer Meinung nach, lediglich sehr schwache Argumente, mit denen sie die ISO kritisieren, um so letztendlich nur ihre Vorteile ins Rampenlicht zu bringen.

So wird häufig behauptet, dass die ISO 16128 nicht zertifizierbar ist, weil sie lediglich eine Definition ist. Dies stimmt, es wird allerdings nicht erwähnt, dass die Vorgehensweise, nach der die Kennzahlen (Indizes) berechnet werden, sehr wohl zertifizierbar ist. Ein weiteres Argument, das häufig angeführt wird, bezieht sich auf fehlende Kategorien und Gehalts-Grenzen. Diese Kategorien sind mit Überlegung entstanden, aber schon die unterschiedlichen Kategorien in verschiedenen Naturkosmetiklabels beweisen die Austauschbarkeit und Willkürlichkeit der Kategorien.

Für den Verbraucher sind solche Kategorien schwierig zu verstehen, die ISO dagegen beschränkt sich auf die Darstellung des Bio- und Naturgehalts durch einfache Kennzahlen. Die ISO erhebt keinen Anspruch, Kosmetik derart zu kategorisieren, dass ein Produkt mit einem bestimmten Anteil an Rohstoffen aus kontrolliert biologischem Anbau als Bioprodukt gilt. Durch die Angabe der Kennzahlen für den Natur- und Biogehalt kann der Verbraucher selbst entscheiden, ob ein Produkt mit 57 Prozent Bio-Anteil für ihn genügt, oder ob er nach einem anderen Produkt mit höherem Bio-Anteil sucht.

Immer wieder wird auch erwähnt, dass Rohstoffe bis zu 50 Prozent petrochemischen Ursprungs sein können. Ein ehrlicher Naturkosmetik-Hersteller kommt erst gar nicht auf die abwegige Idee, die immer wieder unterstellten Missbrauchsoptionen zu nutzen. Solche Unterstellungen kommen von Experten, die eher juristisch in Betrugs-Möglichkeiten als in Transparenz und Verbrauchernutzen denken. Zudem haben die petrochemischen Bestandteile direkten Einfluss auf die Kennzahlen (Indizes), sodass bei Verwendung solcher Rohstoffe niedrige Indizes berechnet werden. Am Ende kann der Verbraucher entscheiden, ob er ein Produkt haben möchte, das einen Naturgehalt von nur 63 Prozent hat, oder das Produkt daneben wählt, das einen Naturgehalt von 100 Prozent aufweist.

Des Weiteren zielt dieses Argument auf die Betrüger und Trittbrettfahrer ab; die authentischen Naturkosmetik-Hersteller werden Rohstoffe petrochemischen Ursprungs nicht verwenden, egal ob ihnen dies ein Naturkosmetik-Standard ermöglicht oder nicht. Demeter-Qualität ist ein gutes Beispiel für vorbildliches Verhalten, auch wenn man es sich unter den weniger schwierigen Bedingungen der bekannten Labels einfacher machen könnte.

Ihre Position gegenüber aktuellen Labels ist sehr kämpferisch. Wir fragen uns: Warum können nicht mehrere Labels parallel und vielfältig existieren, um eine starke gemeinsame Position gegenüber der konventionellen Kosmetik zu beziehen?

Dr. Brunke: Bisher haben wir sehr wenig in den Veranstaltungen zum Thema Naturkosmetik über die Vorteile der ISO 16128 gehört. Wir begrüßen Ihren Schritt in die Transparenz durch Ausgewogenheit und sind gespannt, ob andere Veranstalter folgen.

Dr. Neumeier: Inwiefern bezieht ICADA eine kämpferische Position gegenüber anderen Labels? ICADA-natural bietet insbesondere kleinen Naturkosmetik-Herstellern und Start-ups die Möglichkeit, ein Naturkosmetik-Zeichen mit den gleichen Ansprüchen wie andere Labels zu nutzen. Weil wir keine aufwendige Verwaltung haben, können wir den finanziellen Aufwand für die Firmen dabei so gering wie möglich halten. Denn wir wissen, dass die kleinen Hersteller oft nicht die finanziellen Möglichkeiten haben, aber durch Ansprüche des deutschen Handels auf solche Zeichen angewiesen sind. Dies mögen die anderen Labels als kämpferische Position ansehen. Wir sind, genau wie Sie, der Meinung, dass mehrere Zeichen parallel existieren können. Aus diesem Grund unterstützen wir auch aus neutraler Position die ISO 16128.

Mit „ICADA natural“ bieten Sie ein eigenes Label an. Fußt dieses vollständig auf der ISO-Norm und worin unterscheidet sich das Siegel von Natrue oder Cosmos?

Dr. Neumeier: ICADA-natural basiert nicht auf der ISO 16128. Es ist ein völlig eigenständiges Zeichen, das im Jahre 2009 durch den Verfasser der weltweit ersten Naturkosmetik-Norm analog und gleichwertig konzipiert und zusammen mit einigen authentischen Naturkosmetik-Herstellern marktreif entwickelt wurde. Gerade die grundlegende Mitarbeit und Entscheidungsbeteiligung der Naturkosmetik-Hersteller haben wir bis heute erhalten. Die Entwicklung des ICADA-natural-Zeichens ist ein rein demokratischer Prozess, in dem alle Lizenznehmer und nicht nur wenige Geldgeber oder Verbandsvorstände bestimmen können und sollen. Denn so wird es zu einem Zeichen der Naturkosmetik-Branche und ist nicht nur ein Zeichen irgendeiner Verbandsleitung.

Ich hatte bereits erwähnt, dass wir die finanziellen Hürden für die Hersteller so niedrig wie möglich halten wollen. Trotzdem soll sich der Verbraucher sicher sein, dass Produkte mit dem ICADA-natural-Zeichen den Ansprüchen an Naturkosmetik genügen. So haben wir ein einzigartiges Doppel-Kontroll-System zusätzlich auferlegt. Dabei werden die für die Zeichennutzung gemeldeten Produkte nicht nur durch unabhängige Experten geprüft und zertifiziert, sondern auch jährlich durch unsere eigenen Experten (praktizierende Kosmetikchemiker) nachkontrolliert. So können sich die Verbraucher sicher sein, dass unsere hohen Ansprüche eingehalten werden.

Ein weiterer Unterschied zu Natrue und Cosmos ist das Fehlen von Kategorien, Sternchen oder sonstigen Einstufungen der Produkte. Wir haben das Zeichen bewusst für den Verbraucher einfach und unkompliziert gehalten. So gibt es bei uns nur ein Zeichen für Bio- und Naturkosmetik und keine weitere Einteilung in Unterkategorien. Dafür haben wir die umfassende Pflicht zum Einsatz von Bio-Qualität aller geeigneten Rohstoffe. Lediglich ein weiteres Zeichen für vegane Naturkosmetik bieten wir bei ICADA optional an. Da wir die authentischen Naturkosmetik-Hersteller ansprechen möchten, ist auch unsere Positivliste, also die Liste erlaubter naturidentischer Rohstoffe, wesentlich kürzer als bei den anderen Zeichen.

Sie haben auf der Vivaness einen Vortrag zum Thema Mikroplastik gehalten und online auf Ihrer Website findet sich dazu auch eine Whitelist mit vielen Naturkosmetik-Herstellern. Ist Mikroplastik nicht in der Naturkosmetik sowieso ein Tabu oder gibt es hier auch schwarze Schafe?

Dr. Neumeier: Wir sind der Meinung, dass die Kosmetik-Branche insgesamt hier in ein schlechtes Licht gerückt wird, insbesondere durch Äußerungen auch aus der Politik, die der Branche Untätigkeit vorwirft. Dabei zeigen die Zahlen im zweistelligen Reduktionsbereich, dass die Branche nicht untätig ist und die im Kosmetik-Dialog gesteckten Ziele sogar früher erreicht.

Mit der Whitelist haben wir die Möglichkeit für Kosmetik-Hersteller geschaffen zu zeigen: „Seht her, wir verwenden kein Mikroplastik in unseren Produkten.“ Dies schafft zusätzliche Information und Sicherheit für den Verbraucher, der auf einen Blick sehen kann, ob der Hersteller der gewünschten Produkte auf der Liste steht. Auch die Hersteller müssen nicht alle Verbraucher-Anfragen einzeln beantworten, sondern können auf die Whitelist verweisen.

Nach der Mikroplastik-Definition von BUND und Greenpeace sind entgegen verbreiteter Meinung ebenfalls Naturkosmetik-Firmen betroffen. Denn es gibt auch natürliche Polymere, die sich nur sehr langsam zersetzen und Giftstoffe an der Oberfläche adsorbieren können. Der Begriff Plastik suggeriert zwar ein petrochemisches Erzeugnis, die übliche Definition schließt aber auch Naturstoffe unter dem Begriff Plastik mit ein. Eine ähnliche Situation haben wir auch mit den endokrinen Disruptoren, wobei sich bekannte Naturkosmetik-Hersteller im Fernsehen präsentieren und behaupten, keine endokrinen Disruptoren in ihrer Naturkosmetik zu haben. Wir empfehlen die Lektüre unserer Auflistung „natürliche endokrine Disruptoren“.

Abseits des Themas Mikroplastik ist aber auch Plastik generell ein Thema, mit dem sich die Naturkosmetik beschäftigen muss, und zwar im Bereich Verpackung. Wir sehen zwar ein gesteigertes Bewusstsein, einige Firmen verzichten auf Plastikverpackungen. Viele Firmen verwenden allerdings noch Verpackungen aus Plastik.

Welches Thema beschäftigt Sie aktuell, über das Naturkosmetik-Hersteller auf jeden Fall Bescheid wissen sollten?

Wie oben bereits erwähnt sollte Plastik auf jeden Fall ein Thema sein und zwar nicht nur die Verpackung, sondern auch das Plastik im Produkt selbst. Vielen Herstellern ist möglicherweise nicht bewusst, dass es sich bei einigen Naturstoffen ebenfalls um Plastiken handelt.

Ein weiteres Thema, mit dem sich Naturkosmetik-Hersteller befassen sollten, ist die Verwendung von Wirkaussagen in der Naturkosmetik. Der Verbraucher gibt sich nicht mehr damit zufrieden, dass die Produkte natürlichen Ursprungs sind. Er möchte auch erfahren, welche Wirkung er durch die Verwendung eines bestimmten Produktes hat, denn dafür wird Kosmetik letztendlich gekauft.

Weitere Themen, die speziell für Hersteller von Naturkosmetik interessant sind, sind die Kennzeichnung ätherischer Öle oder auch ein mögliches Verbot von Lebensmittel-Stoffen in Kosmetika. Diese und viele weitere Themen wurden auf unserer Fachtagung am 2. Mai in Salzburg und werden auch auf einer Sitzung der Interessengruppe Naturkosmetik am 17. Mai in Frankfurt am Main behandelt. Weitere Informationen hierzu finden Sie auf unserer Website.

Vielen Dank für das Interview, Dr. Manuel Neumeier und Dr. Reinhold A. Brunke, dass Sie Ihre Position mit uns teilen!