BlogFachartikel, Interviews und Einblicke für Bio- und Naturkosmetik

Kann man als Naturkosmetik-Hersteller ganzheitlich nachhaltig handeln? Interview mit Gero Leson und Julia Edmaier von Dr. Bronner’s

Seit der Firmengründung 1948 ist Fairness und soziale Verantwortung fest in der Firmenphilosophie von Dr. Bronner’s verankert. Wie man diesen Leitgedanken in die Tat umsetzen kann, darüber haben wir mit Julia Edmaier, Koordinatorin für Zertifizierungsangelegenheiten, und Gero Leson, Vice President of Special Operations, gesprochen.

In all we do, let us be generous, fair & loving to Spaceship Earth and all its inhabitants - ALL-ONE. Foto: Dr. Bronner's

„In all we do, let us be generous, fair & loving to Spaceship Earth and all its inhabitants“ – ALL-ONE. Foto: Dr. Bronner’s

In eurem Logo tritt die Marke zugunsten des Statements „ALL-ONE!“ klar in den Hintergrund und auch auf eurer Website sieht man sofort, dass ihr nicht nur Produkte verkauft, sondern eine klare Botschaft habt. Wann wurde der Grundstein dafür gelegt?

Emanuel Bronners Vision bei der Firmengründung 1948 war, dass seine Seifen zum Vehikel würden bei der Überwindung nationaler und religiöser Grenzen. Er war geprägt durch den Verlust seiner Eltern im Holocaust und den Wahnsinn des heißen und kalten Krieges.

Der Vision sind wir treu geblieben, haben aber seit 2000 zunehmend andere Inhalte hinzugefügt, auf die Emanuel stolz wäre: soziale Gerechtigkeit, Fairness gegenüber Ländern der Dritten Welt, eine nachhaltige Landwirtschaft, vernünftigen Umgang mit Drogen und Strafvollzug. Für uns ist es wirklich „ALL-ONE“ – und unsere Projekte und die Summen, die wir zielgerichtet zur Unterstützung dieser Philosophie ausgeben, belegen das.

Die Dr. Bronner’s Magic Soap ist heute die meistverkaufte Naturseifenmarke in den USA. Was ist das Geheimnis des Erfolges? Gegründet wurde das Unternehmen ja ursprünglich in Deutschland.

Die Grundlage des Erfolges wurde in den wilden 60ern gelegt, wo die Idee einer „Seife mit Botschaft“ auf fruchtbaren Boden fiel. Die Seife selbst passte mit ihrer „guten deutschen Qualität“ und ihrer Vielseitigkeit – duschen, spülen, Hände und Hunde waschen – ausgezeichnet zu den Bedürfnissen der damaligen jungen Generation. Das ungewöhnliche und charismatische Auftreten von Emanuel und seiner Familie half.

Seit 2000 wächst unser Umsatz durchschnittlich um 15 Prozent pro Jahr, inzwischen auch im konventionellen Einzelhandel und international. Der konsequente und authentische Aktivismus der Firma, die weiterhin exzellente Qualität und Nachhaltigkeit aller Produkte und hoch motivierte Mitarbeiter in Marketing und Vertrieb sind die wichtigsten Triebkräfte. Unser Umstieg auf Rohstoffe aus Bioanbau und fairem Handel hilft sicher auch.

Schulung der Bauern in Kenya. Foto: Dr. Bronner's

Schulung der Bauern in Kenia. Foto: Dr. Bronner’s

Ihr habt aus Überzeugung einige sehr spannende Fair-Trade-Projekte ins Leben gerufen und bezieht Rohstoffe, vor allem Öle, aus elf Ländern. Was bedeuten für euch Fairness und soziale Verantwortung?

Fairness und soziale Verantwortung sind bei Dr. Bronner’s nicht nur Schlagworte, sondern tief verankerte und gelebte Werte, die die Kern-DNA der Firma ausmachen. Fairness bedeutet für uns, die gerechte und menschenwürdige Behandlung aller an unseren Produktionsprozessen Beteiligten – der Bauern in den Anbauländern, Arbeiter und Arbeiterinnen in den Weiterverarbeitungsstätten und der Mitarbeiter in der Seifenproduktion.

Treat Employees like Family!

Das ist einer der Leitgedanken der Firmenphilosophie. Und so fühlt es sich auch an.

Soziale Verantwortung bezieht sich bei Dr. Bronner’s wiederum nicht nur auf den Menschen. Der All-one-Gedanke bedeutet auch, dass jedes Lebewesen sowie unsere Erde mit Respekt behandelt werden sollen. Dr. Bronner’s investiert jedes Jahr ein Drittel des Firmengewinns in soziale Projekte und Umweltaktivismus und unterstützt dadurch eine Vielzahl von kleinen und großen NGOs. Verschiedenste Anliegen, von Tierwohl über den Kampf gegen Gentechnik bis zur Resozialisierung von Strafgefangenen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Kokosanbau bei Serendipol / Sri Lanka. Foto: Dr. Bronner's

Kokosanbau bei Serendipol / Sri Lanka. Foto: Dr. Bronner’s

Kommen wir zu einem ganz besonderen Rohstoff: Palmöl steht immer wieder in der Kritik. Ist kein Palmöl die Lösung?

Palmöl ist ein technisch vielseitiger und grundsätzlich sehr nachhaltiger landwirtschaftlicher Rohstoff. Das Problem ist der übliche Anbau in riesigen Monokulturen, oft unter Zerstörung des vorhandenen Waldes und Siedlungen. Anstatt Palmöl durch weniger geeignete Pflanzenöle, die nicht automatisch ökologisch sind, zu ersetzen, demonstrieren wir lieber, dass man Palmöl sehr wohl höchst nachhaltig und fair produzieren kann. Unser Serendipalmprojekt in Ghana spricht für sich.

Fairtrade-Projekt in Ghana. Foto: Dr. Bronner's

Fair-Trade-Projekt in Ghana. Foto: Dr. Bronner’s

Ihr setzt euch für eine „regenerative“ Bio-Landwirtschaft ein, die die Bodenfruchtbarkeit verbessert. Wie bringt ihr diese Idee den Kleinbauern näher? Was könnt ihr von euren Reisen berichten?

Kleinbauern in den Tropen freuen sich, wenn man ihnen hilft, ihre Bodenfruchtbarkeit und damit ihre Flächenerträge zu verbessern. Jedoch sind Bauern weltweit eher konservativ und haben oft nicht das Geld, Veränderungen, wie z.B. den Aufbau einer Kompostproduktion, zu finanzieren. Unsere Projekte produzieren sowohl Feldfrüchte (Minzöle) als auch Baumfrüchte (Kokosnüsse, Palmfrüchte, Oliven).

Die Methoden sind jedoch ähnlich: Schulung der Bauern in unser „Biokontrollsystem“, Finanzierung von ökologischer Neupflanzung und Kompostanlagen.

Ganz wichtig: Aufbau langfristiger Handelsbeziehungen, faire Preise und Zahlungsbedingungen.

Dies schafft Vertrauen und überzeugt Bauern, dass die von uns angeschobenen Veränderungen ihnen langfristig nützen.

An welchem „Projekt“ arbeitet ihr gerade besonders intensiv?

In Ghana und Samoa haben wir, in Zusammenarbeit mit deutschen Praktikern des Bio-Kakao-Anbaus, begonnen, Bäume nach dem Prinzip der „dynamischen Forstwirtschaft“ neu zu pflanzen. Dies sind letztlich „geplante Dschungel“, Mischpflanzungen mit Kakao, Ölpalmen, Kokos, Fruchtbäumen und Bodenfrüchten mit hohen Erträgen, hoher Artenvielfalt, geringem Schädlingsdruck und hoher Kohlenstoffeinbindung.

In Indien führen wir, mit Hilfe der GIZ, ein Projekt mit 2000 Kleinbauern durch, bei dem die mageren Böden durch hohe Kompostgaben, schonendes Pflügen und Bodenbedeckungen in ein paar Jahren mit Humus angereichert werden. Wir tun dies, weil diese Techniken weltweit anwendbar sind und ein höherer Humusgehalt Bauern sowohl höhere Erträge als auch mehr Widerstandskraft gegenüber häufigeren Dürren bietet.

Dass die Einbindung von atmosphärischem CO₂ in den Humus auch noch zum Klimaschutz beiträgt, ist für uns das sprichwörtliche Sahnehäubchen.

Besuch beim Dr. Bronner's Stand auf der Vivaness 2018. V. links.: Anna Breitinger, Gero Leson, Wolfgang Falkner, Julia Edmaier. Foto: NKC

Besuch beim Dr.-Bronner’s-Stand auf der Vivaness 2018. Von links: Anna Breitinger, Gero Leson, Wolfgang Falkner, Julia Edmaier. Foto: NKC

Dank eurer Initiative findet beim NaturkosmetikCamp ein großer Motto-Workshop zum Thema „Ganzheitlich Farbe bekennen in Landwirtschaft, sozialer Verantwortung und Kommunikation“ statt. Hier wollen wir in drei Gruppen ganz konkrete und brisante Fragen diskutieren. Auf was freut ihr euch besonders?

Julia: Ich freue mich auf den Austausch mit anderen Firmen beim Workshop, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen und es vielleicht ganz anders lösen. Man lernt immer eine Menge voneinander und ich denke, wir werden voller neuer Ideen nach Hause gehen.

Gero: Meine Teilnahme am NaturkosmetikCamp 2017 hat mir gezeigt, dass viele Firmen gerne über ihre Rohstoffversorgung einen positiven Einfluss ausüben möchten. Ich freue mich darauf, in entspannter Atmosphäre zu lernen, welche Herausforderungen unsere Freunde haben, die nicht so nah an ihren Rohstoffquellen sind, und wie man gemeinsam Fortschritte erzielen kann.

Herzlichen Dank euch zwei, Julia Edmaier und Gero Leson, für die Einblicke in eure Projekte sowie gelebte Firmenphilosophie. Wir sind schon jetzt auf den Motto-Workshop beim NaturkosmetikCamp 2018 gespannt!