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Die Haut ist Spiegel der körperlichen Gesundheit. Interview mit Dr. Yael Adler, Keynote beim NaturkosmetikCamp 2018

Beim NaturkosmetikCamp 2018 wird Dr. med. Yael Adler die Keynote halten. Die Berliner Dermatologin hat mit ihrem Sachbuch „Haut nah“ einen Bestseller gelandet, der am 1. Februar in der 2. Auflage erschienen ist. Wir waren neugierig und haben der sympathischen Powerfrau ein paar Fragen zu ihrem Buch, ihrer Arbeit in ihrer Praxis und richtiger Hautpflege gestellt.

Dr. med. Yael Adler, Autorin von „Haut nah“, hält die Keynote beim NaturkosmetikCamp 2018. Foto: H&S, Jenny Sieboldt

Dr. med. Yael Adler, Autorin von „Haut nah“, hält die Keynote beim NaturkosmetikCamp 2018. Foto: H&S, Jenny Sieboldt

Dr. med. Yael Adler, Ihr Buch „Haut nah“ wurde zum Bestseller und ist in 29 Sprachen übersetzt worden. Am 1. Februar 2018 erschien die zweite Auflage mit Praxisteil. Wie sind Sie dazu gekommen, dieses Buch zu schreiben?

Ich habe eine Praxis in Berlin, wo ich auch jeden Tag Sprechstunden gebe. Dort erreiche ich aber immer nur eine begrenzte Zahl an Menschen, ich finde aber, dass das, was ich gerne sagen möchte, eigentlich mehr Menschen wissen sollten und jeder seinen Körper kennen und verstehen soll. Jeder von uns ist mündig und soll selbst entscheiden, wie er mit seiner Haut und seinem Körper umgeht. Mit einem Buch erreicht man viel mehr Menschen, auch an anderen Orten. Und da ich mein Thema Haut so interessant finde, hoffe ich, dass es natürlich alle anderen genauso interessant finden.

Buchlink „Haut nah: Alles über unser größtes Organ. Neu mit Praxisteil (Erweiterte Ausgabe 2018)“

Jeder Mensch hat seine ganz individuelle Haut, mit der er seit Geburt und schon davor gesegnet ist. Warum (er)kennen die wenigsten ihre Haut? Und warum gibt es so viele Pflege-Irrtümer?

Wir werden in der Schule nicht darüber informiert, wie unsere Haut funktioniert. Ich habe das auch erst im Medizinstudium gelernt bzw. noch später, als ich anfing, mich mit der Haut zu beschäftigen. Diese Pflege-Irrtümer kommen auch ganz wesentlich daher, dass die Kosmetikindustrie uns immer wieder sagt, was wir alles benutzen und kaufen müssen. Sie redet uns ein, dass wir sehr viel von außen „schaffen“ können. Dabei ist die Haut ja eine tolle Schutzbarriere, die die meisten Stoffe glücklicherweise draußen hält, wie eben auch viele Anti-Aging-Stoffe.

Es ist sinnvoll, die Haut von außen zu schützen. Das kann man aber auch, indem man sie einfach ein bisschen in Ruhe lässt und sie weniger strapaziert, austrocknet, seift und desinfiziert. Wenn das nicht reicht und die Haut trotzdem trocken ist, sollte man mit pflegenden Fetten arbeiten. Naturfette, die der Haut eher ähneln und nicht nur schützen, sondern auch reparieren können und möglichst auch keine Allergien auslösen. Der Verzicht auf Duftstoffe, Farbstoffe und Konservierungsstoffe ist ebenso ratsam. Empfindliche Hauttypen sollten außerdem nur dort cremen, wo die Haut wirklich trocken ist, und nicht einfach alles zuklatschen und -kleistern.

Seit Februar gibt es eine Neuauflage des Buches "Haut nah" mit Praxisteil. Foto: H&S, Jenny Sieboldt.

Seit Februar gibt es eine Neuauflage des Buches „Haut nah“ mit Praxisteil. Foto: H&S, Jenny Sieboldt.

Weil die Haut auch eine Barriere ist, erreichen wir sie eher von innen. Hier wird sie nämlich auch aufgebaut. Darum ist eines meiner Betätigungsfelder auch die Ernährungsmedizin. Man kann die Haut von innen her sehr stark unterstützen und auch heilen, indem man schaut, wie ist sie denn mit Mikronährstoffen versorgt, sprich Mineralien, Vitaminen, Spurenelementen, Fettsäuren etc. Des Weiteren behandle ich auch sehr gerne über die Darmflora. Aktuelle Studien besagen, dass das Mikrobiom des Darmes und der Haut kommunizieren – durch den Körper hindurch, aber auch direkt. Der Darm stößt eine Art Nachlieferung von Bakterien aus, die sich auch auf der Haut ansiedeln können und das Immunsystem stärken. Das wiederum gibt positive Effekte für die Haut. Diese Zusammenschau, dass die Haut nicht nur eine Hülle ist, sondern ein Interaktionsorgan, ein Netzwerkorgan, ist aktuell noch zu wenig bekannt.

Für Sie gilt: Weniger ist oft mehr. Wie ist es dazu gekommen, dass heute so viel Geld auch für unnötige, teils sogar bedenkliche, Kosmetikprodukte ausgegeben wird?

Ganz einfach, weil der Kosmetikmarkt ein riesengroßes Geschäft ist. Die Industrie spielt mit den Ängsten vom Altwerden und vom Sterben. Falten und Abbau erinnern uns ja an das Ende des Lebens, an die Vergänglichkeit. Damit kann man leicht Geld machen, wenn man einfach sagt:

Schau, das ist jetzt der Zug, der dich in die ewige Jugend bringt.

Und weil keiner diesen Zug verpassen will, probiert man halt alles aus und glaubt auch sehr gerne daran. Es ist immer wieder ein Phänomen, wenn Leute sogenannte Wundercremes im Gesicht verwenden, sich vor den Spiegel stellen und sagen, dass es schon wirkt. Objektiv gesehen hilft es nicht und schon gar nicht in der Kürze der Zeit. Es ist eben viel mit Wunschdenken verbunden.

In Ihrem Buch nähern Sie sich häufigen Tabus auf eine sehr humorvolle Weise. Warum tun wir uns als Menschen so schwer, uns so zu akzeptieren, wie wir sind? Lachfalten sind doch schön, warum nicht auch die Zellulite?

Auch hier ist es so, dass alles, was eigentlich normal ist, plötzlich pathologisiert wird. Man wird einem Plastik-Schönheitsideal untergeordnet und geht immer mehr weg, von dem, was echt und natürlich ist. Heutzutage hat man einerseits einen Machbarkeitswahn – man denkt, alles kann man sich erkaufen, jede Schönheit, Straffung, Jugend, Gesundheit, man muss nur genügend Geld investieren. Das ist natürlich Quatsch. Egal, wie viel Geld man investiert, man kann sich weder vom Sterben noch vom Altern freikaufen. Andererseits muss man auch sagen, dass die Medien eine enorme Macht haben. Manchmal ist es vielleicht auch eine gewisse Ablenkung, wenn man keine Themen hat, die einen wirklich beschäftigen und bewegen. Dann fokussiert man sich zu sehr auf das Äußere.

Ich mag das ja auch, mich schminken und pflegen, und ich möchte auch gut aussehen. Das versuche ich aber so gut, wie es geht, mit natürlichen Mitteln. Das heißt nicht, dass ich ein Feind vom Nachhelfen bin. Es geht bei allem immer um eine Frage des Maßes und auch den einzelnen Fall. Es gibt Menschen, die von Botox profitieren, da es ja auch ein Arzneimittel ist. So hat man dann den „Zwei-in-einem-Effekt“. Nur wäre ich nie jemand, der sagt, das muss jetzt sein und dadurch wird man schöner.

Und bei Zellulite muss man einfach erkennen, dass es keine Krankheit und auch kein Makel ist, sondern einfach „Körper“ ist. Weiblicher Körper hat Zellulite, weil das Bindegewebemuster so gestrickt ist.

Das wäre so, als würde man sagen: Also Ohren sind auch kein schöner Körperteil, wir müssen schauen, dass wir die irgendwie wegcremen.

Aber sie sind einfach ganz normal und gehören zu uns und es wäre total überraschend, wenn jemand keine Ohren hätte. Und so ist es mit der Zellulite bei Frauen eben auch. Zellulite ist eher Vollbild-Frau als eine Diagnose oder Krankheit.

Haut muss Ihrer Meinung nach ganzheitlich betrachtet werden. Hier spielt die Ernährung eine wichtige Rolle. Ist das auch ein Thema in Ihrer Praxis in Berlin?

Keynote-Speakerin Dr. med. Yael Adler. Foto: H&S, Jenny Sieboldt

Keynote-Speakerin Dr. med. Yael Adler. Foto: H&S, Jenny Sieboldt

Ja, ich behandle sehr viele Hauterkrankungen. Eigentlich fast alle. Auch ganz wesentlich von innen. Die Basis ist eine Kontrolle der Mikronährstoffe im Blut. Hier staunt man immer wieder. Denn auch Leute, die sehr auf die Ernährung achten und einen gesunden Lebenswandel leben, haben trotzdem oft Mängel an Mikronährstoffen im Blut. Sei es mal Silizium, Vitamin B6,  Vitamin D oder Selen. Das liegt häufig auch daran, dass die Darmflora in der heutigen Zeit verschoben ist. Das ist darauf zurückzuführen, dass manche Leute über Kaiserschnitt geboren, nicht gestillt worden sind oder Antibiosen bekommen haben. Auch Zucker und weißes Mehl in der Nahrung kann zur Verschiebung der Darmflora führen, denn diese Produkte gab es so in der Natur ja früher nicht. Und der Darm – eigentlich unser Körper generell – denkt, dass er noch in der Steinzeit ist.

Pestizide, Konservierungsmittel, Stress oder Medikamente, all das verändert die Darmflora. In Folge dessen können viele Vitamine von den Bakterien überhaupt nicht hergestellt werden und gelangen nicht in den Körper bzw. eingenommene Vitamine und Spurenelemente können nicht ausreichend in den Körper aufgenommen werden. So fehlt auch Leuten, die sich bewusst ernähren, manchmal was. Das kann dann eben über Nahrungsergänzungsmittel oder eine ganz bewusste Ernährungsumstellung korrigiert werden, dann heilt die Haut ab, die Haare wachsen wieder oder die Nägel werden wieder stark.

Weil Hautärzte eigentlich schon immer wissen, dass man viel über die Ernährung beeinflussen kann, habe ich diese Ausbildung zur Ernährungsmedizinerin gemacht und diese Therapie von innen intensiviert. Ich freue mich immer unheimlich, genauso wie die Patienten, über die großen Erfolge, die man hier erzielt. Man ist jetzt kein Wunderheiler, aber endlich kommt man mal große Schritte voran. Der Arzt ist ja da, um zu heilen, und wenn man das eben über so kleine Schritte ohne Medikation machen kann, warum nicht. Das ist immer der erste Versuch und in vielen Fällen ist dann auch kein weiterer Versuch erforderlich.

Die Haut ist eben der Spiegel, nicht nur der Seele, sondern auch des Gesundheitszustandes des Körpers.

Sie sind Hautärztin, sind gern gesehener Gast in Talkrunden und dann auch noch international bekannte Autorin. Wo nehmen Sie Ihre Energie her? Was sind Ihre Rückzugsorte?

Ich finde, dass diese Themen alle miteinander verbunden sind, und ich mag es, dass sie sich auch gegenseitig bereichern. Ich bekomme von meinen Patienten Ideen für journalistische Themen, wie z.B. Trends, und kann daraus eben Geschichten und Informationen kreieren. Wenn ich mit Journalisten rede oder eben auch in Talkshows, bekommt man immer kluge und spannende Fragen gestellt. Hier muss man sich dann mal von einer anderen Warte her mit Themen beschäftigen und macht sich dann Konstrukte, wie man das Gefragte gut erklären kann. Das wiederum hat einen guten Effekt für die Sprechstunde, denn diese Fragen interessieren auch die Patienten. So befruchtet sich das gegenseitig.

Journalismus, aber auch Schauspiel hat mich immer schon fasziniert. Durch das Kommunizieren meines Lieblingsthemas, Haut & Medizin, kann ich alles vereinen – Journalismus und ein bisschen Schauspiel quasi. Vor anderen Menschen zu reden, zu improvisieren und sich auszutauschen, das ist schön. Ich denke, wenn etwas Spaß macht, hat man sicherlich automatisch auch die Energie dafür. Aber ich habe auch einen guten Rückhalt durch meine Familie, denn die muss natürlich mitziehen und einen unterstützen. Ohne Familie geht das eben nicht.

Zu meinen Rückzugsorten: ich bin gerne zu Hause und mache sehr gerne Sport. Ich finde, das ist auch ein ganz wichtiger Ausgleich. Je älter man wird, desto mehr merkt man, dass Bewegung eine ganz große, wichtige Basis der Gesundheit ist und auch des Wohlbefindens – und somit dann wieder eine neue Energiequelle ist.

Wir freuen uns sehr, dass Sie beim 5. NaturkosmetikCamp als Keynote mit dabei sind. Worauf dürfen sich die Teilnehmer freuen?

Die Teilnehmer dürfen sich darauf freuen, dass ich mit ihnen eine interaktive Stunde verbringen werde. Ich werde ein bisschen über Körperpflege, Hautfunktionen und Körperduft reden. Natürlich werden wir uns auch ein bisschen, vielleicht schwerpunktmäßig, mit Naturprodukten in der Dermatologie beschäftigen. Dann gibt es immer auch die Gelegenheit, sich als Zuhörer einzubringen – und ja, mal schauen, worauf es dann hinausläuft.

Die Improvisation und der gegenseitige spontane, sich befruchtende Austausch sind auch immer einer meiner Lieblingsaspekte in einer solchen Keynote. Außerdem bin ich sehr neugierig, weil mich natürlich, als ganzheitlich arbeitende Dermatologin mit vielen Naturprodukten in meiner Praxis, auch der Input von den NaturkosmetikerInnen total interessiert.

Vielen Dank, Dr. Yael Adler, für die ausführlichen, sehr interessanten Antworten. Wir freuen uns schon auf die Keynote beim NaturkosmetikCamp 2018, um noch mehr über unsere Haut zu erfahren!