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Palmöl in der Naturkosmetik: Braucht es eine Alternative, wenn die Herkunft passt? Interview mit Silva Imken von Börlind

Palmöl steht immer wieder in der Kritik. Viele fordern sogar, völlig darauf zu verzichten. Doch was macht Palmöl eigentlich so interessant für die Naturkosmetik? Braucht es Alternativen oder müssen wir nur konsequenter auf die Herkunft achten? Silva Imken von Annemarie Börlind geht auf Möglichkeiten in der Zertifizierung und den Einkauf ein.

Begehrter Rohstoff: Das Palm(kern)öl. Foto: GIZ / Benita Heinze

Begehrter Rohstoff: Das Palm(kern)öl. Foto: GIZ / Benita Heinze

Gleich vorweg: Was macht eigentlich Palmöl so interessant und gut für Naturkosmetik?

Hier muss erst einmal differenziert werden. So setzen wir, wie auch viele andere Naturkosmetikhersteller, Palm(kern)öl nicht direkt, sondern in Form von Derivaten (wie z.B. Glyceryl-, Sucrose- oder Ascorbyl-Palmitaten) ein. Diese sind generell gängige Inhaltsstoffe in der Kosmetikherstellung und vor allem erforderlich. Denn sie werden als natürliche Emulgatoren, Konsistenzgeber und Stabilisatoren eingesetzt. So bedarf es beispielsweise Emulgatoren für die Herstellung einer Emulsion, da sie eine einheitliche Dispersion von nicht mischbaren Substanzen wie Wasser und Öl ermöglichen.

Bei neuen Rezepturen können wir Palmölderivate zum Teil sogar umgehen, doch bei bereits bestehenden Rezepturen lassen sich die Derivate, die sich z.B. in Emulgatoren wiederfinden, nicht so einfach ersetzen. Dies hätte Einfluss auf die Konsistenz und Stabilität der Creme. Und natürlich würde bei einem Austausch die Kundin nicht mehr das ihr vertraute Produkt bekommen. Dies wäre auch der Fall, würde man einen Emulgator verwenden, der keine Fettsäuren auf Basis von Palmöl, sondern z.B. Kokosöl enthält.

Du hast in der NaturkosmetikCamp-Session nach Alternativen zu Palmöl gefragt und dabei seid ihr zum Ergebnis gekommen, dass es gar keine Alternative geben muss, wenn die Herkunft passt. Wie passt die Herkunft? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?

Die Verlagerung auf eine andere Ölpflanze würde das Rohstoffproblem nur verlagern und neue Monokulturen lancieren, die allein schon aufgrund der deutlich schlechteren Ertragskraft (Palmöl bis zu 7 t/ha, Sonnenblumen und Raps max. 2 t/ha) abzulehnen sind. Wichtig ist, dass das Palmöl aus nachhaltigem Anbau stammt, d.h., dass die für den Anbau genutzten Flächen nicht zu Lasten der Umwelt umgewandelt werden. Um die Kohlenstofffreisetzung zu minimieren, sollte dieser ausschließlich auf brachliegenden oder landwirtschaftlich nutzbaren Flächen erfolgen. Hier stehen vor allem die Regierungen in den Anbauländern in der Pflicht, das Problem der Landnutzung zu regeln.

"Die Symbiose von nachhaltiger Schönheit und nachhaltigem Palmöl", die Session von Silva Imken beim NaturkosmetikCamp 2017. Foto: NaturkosmetikCamp / Dirk Holst, www.dhstudio.de

„Die Symbiose von nachhaltiger Schönheit und nachhaltigem Palmöl“, die Session von Silva Imken beim NaturkosmetikCamp 2017. Foto: NaturkosmetikCamp / Dirk Holst, www.dhstudio.de

Zertifizierungssysteme wie RSPO können ebenfalls dazu beitragen. Zwar gibt es speziell am RSPO noch einige berechtigte Kritik, aber es ist zumindest ein Anfang. Einige Unternehmen haben sich u.a. mit Greenpeace und dem WWF in der Palm Oil Innovators Group zusammengeschlossen. So machen sie deutlich, dass sie den RSPO zwar als Grundlage nutzen, aber freiwillig weitere Zusatzanforderungen umsetzen. Dies ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Allerdings besteht nach wie vor das Problem, dass große Mengen des zertifizierten Öls überhaupt nicht gekauft werden. Nur durch gemeinsames und aktives Vorgehen, also weitere Mengen zertifizierten Öls überhaupt einmal zu kaufen, wird es möglich sein, die Produzenten zu weiteren Verbesserungen zu bewegen.

Daher haben sich Unternehmen unterschiedlicher Branchen – darunter auch wir als Börlind – dem Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP) angeschlossen. Dies ist ein Zusammenschluss des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) mit Privatunternehmen, Nichtregierungsorganisationen und Verbänden, um einen Dialog über die Praktiken im Palmölsektor zu ermöglichen. Ziel des FONAP ist es, den Anteil an zertifiziertem Palmöl im deutschsprachigen Raum maßgeblich zu erhöhen. So haben sich die Mitglieder des Forums dazu verpflichtet, ausschließlich nachhaltig produziertes Palm(kern)öl zu verwenden.

Mit welchen Herausforderungen hat der Einkauf zu tun? Worauf kann er sich verlassen und wo muss er selbst „nachbohren“ oder sogar ins jeweilige Herkunftsland fahren, um persönlich nachzusehen?

Es wird mehr Palm(kern)öl angeboten, als abgenommen. Plantage Pekanbaru, Indonesien. Foto: GIZ / Benita Heinze

Es wird mehr Palm(kern)öl angeboten als abgenommen. Plantage Pekanbaru, Indonesien. Foto: GIZ / Benita Heinze

Der Einkauf von zertifiziertem, nachhaltigen Palm(kern)öl ist heutzutage relativ unproblematisch möglich und – wie gesagt – es wird mehr nachhaltig produziertes Palm(kern)öl angeboten als überhaupt abgenommen. Mehr herausfordernd gestalten sich die Palmöl- oder Palmkernöl-basierten Derivate. Zwar hat sich durch die genannten Bestrebungen die Einkaufssituation von nachhaltig zertifizierten Derivaten in den letzten Jahren verbessert, doch sind bei Weitem nicht alle Derivate in zertifizierter Form erhältlich. Hier stellt die Rückverfolgbarkeit ein großes Problem dar. Dieses Problem wäre gelöst, würde es generell nur noch zertifiziertes, nachhaltiges Palm(kern)öl am Markt geben.

Bezüglich Palmöl wird, vor allem auf Facebook, sehr stark polarisiert. Wo ist deiner Meinung nach Kritik gerechtfertigt und was ärgert dich persönlich?

Es ist zweifelsfrei katastrophal, dass für den Anbau der Ölpalmen großflächig Regenwald abgeholzt wird. Das führte in den vergangenen Jahren immer wieder zu verheerenden Waldbränden, die weite Teile Südostasiens in Rauch hüllten. Auch die Artenvielfalt leidet durch die Abholzung des Regenwaldes, so wurden bereits Orang-Utan, Sumatra-Tiger oder das Java-Nashorn an den Rand des Aussterbens getrieben. Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sind oft fragwürdig, die Arbeiter schlecht bezahlt. Das sind unhaltbare Zustände und es ist wichtig, dass darauf aufmerksam gemacht wird und sich Initiativen gründen, die diese Zustände bekämpfen.

Doch sind mir persönlich die Palmöl-Gegner oft zu einseitig, dafür ist das Thema zu komplex. Auf keinen Fall werden die Probleme beseitigt, indem man für null Palmöl plädiert. Auch ist das Ausweichen auf eine andere Ölpflanze aufgrund der geringeren Ertragskraft keine Alternative, sondern würde das Problem nur verlagern und verschärfen. Daher kann man nur versuchen, eine Veränderung Schritt für Schritt herbeizuführen. Zertifizierungen sind ein Anfang, ebenso das Unterstützen von Kleinbauernprojekten. Aber auch die Politik ist gefordert, gegen die Korruption in den Ländern vorzugehen.

Palmenplantage auf Carey Island, Malaysia. Foto: GIZ / Benita Heinze

Palmenplantage auf Carey Island, Malaysia. Foto: GIZ / Benita Heinze

Wie kann Aufklärung vielleicht besser funktionieren?

Jeder kann bei sich selbst anfangen. Verbraucher sollten darauf achten, Produkte zu kaufen, die nachhaltig produziertes Palm(kern)öl enthalten und die Hersteller zur Verwendung von nachhaltigem Palm(kern)öl auffordern. Unternehmen könnten sich z.B. dem FONAP anschließen und mit der Selbstverpflichtung ein Zeichen setzen und dazu beitragen, die Nachfrage nach zertifiziertem Palm(kern)öl zu steigern. Auch sollten die Unternehmen offen mit dem Thema umgehen, denn nur so kann Aufklärungsarbeit betrieben werden. Ebenso sind natürlich die Medien gefordert, eine objektive und klare Berichterstattung stattfinden zu lassen.

Was kann/muss die Politik tun?

Die Politik ist ganz klar gefordert, da in Ländern wie z.B. Indonesien seitens der Regierung das Problem der illegalen Rodung nicht ernsthaft angegangen wird. Subventionen/Hilfsgelder sollten viel stärker an Bedingungen gekoppelt werden.

Vielen Dank, Silva Imken, für deine aufschlussreichen Antworten.