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Aktuelles von der ISO-Norm 16128: Sven Gehrig von WALA Heilmittel und Krystel van Hoof von NATRUE im Interview

Sven Gehrig von WALA Heilmittel und Krystel van Hoof von NATRUE haben in ihrer NaturkosmetikCamp-2017-Session die ISO-Norm 16128 genauer unter die Lupe genommen. Ist diese Fluch oder Segen für die Natur- und Biokosmetik? Was bedeutet sie für Marken, Labels und Verbraucher und in welchem Stadium ist diese Naturkosmetik-Norm zurzeit? Wir haben bei Sven und Krystel nun nochmal genau nachgefragt.

ISO-Norm 16128: Wird die Klarheit für den Verbraucher dadurch besser? Foto: Fotolia / WavebreakMediaMicro

ISO-Norm 16128: Wird die Klarheit für den Verbraucher dadurch besser? Foto: Fotolia/WavebreakMediaMicro

Ihr habt in eurer Session beim NaturkosmetikCamp die ISO-Norm 16128 genauer unter die Lupe genommen. Warum wird diese von der Naturkosmetik-Branche zumeist eher kritisch denn als Chance gesehen?

Krystel: ISO 16128 ist eine Initiative, die durch die konventionelle Kosmetikbranche auf den Weg gebracht wurde. Es handelt sich um eine Richtlinie, die auf sehr schwachen Kriterien basiert: Im Gegensatz zu den bereits existierenden privaten Natur- und Biokosmetik-Standards wie NATRUE beinhaltet die ISO 16128 keine Kriterien für die Klassifizierung und Bewerbung von Produkten als Bio- oder Naturkosmetik. Genauer gesagt: Es wird zum Beispiel nicht definiert, wie viele Bio-Inhaltsstoffe in einem Produkt enthalten sein müssen, um es „bio“ nennen zu dürfen. Außerdem werden Inhaltsstoffe aus genveränderten Organismen (GVO) zugelassen, was vollkommen abweicht von dem, was Verbraucher erwarten.

Dementsprechend ist es für die Verbraucher sehr verwirrend und kaum möglich zu erkennen, ob ein Produkt sein Versprechen, natürliche und biologische Inhaltsstoffe zu enthalten, auch wahrhaftig erfüllt. Da die ISO 16128 eine Richtlinie ist, die auf keinerlei festen Anforderungen/Voraussetzungen basiert, wird das Ergebnis, die Erwartungen der Konsumenten, nicht erfüllen.

Wir von NATRUE halten die Definitionen des ISO-Dokuments für zu schwach, um den Ansprüchen der Verbraucher von Natur- und Biokosmetikprodukten gerecht zu werden. Wir sind der Überzeugung, dass Verbraucher die Möglichkeit haben sollten, dank transparenter Informationen eine wissensbasierte Kaufentscheidung  treffen zu können. Als Werkzeug zur umfänglichen Beschreibung natürlicher und biologischer Kosmetik ist die ISO 16128 demzufolge nicht geeignet, da sie die Gefahr birgt, Greenwashing zu legitimieren anstatt zu reduzieren. Dadurch wird die Anzahl der nur scheinbar grünen Produkte auf dem Markt vermutlich noch weiter steigen.

Sven Gehrig von WALA Heilmittel. Foto: NaturkosmetikCamp / Dirk Holst, www.dhstudio.de

Sven Gehrig von WALA Heilmittel. Foto: NaturkosmetikCamp/Dirk Holst, www.dhstudio.de

Sven: Für uns als Naturkosmetikmarke (WALA Heilmittel) haben die Verbraucher den obersten Stellenwert. Diese haben zu Recht gewisse Erwartungen an Naturkosmetik, die durch die etablierten Labels, wie NATRUE, hervorragend umgesetzt werden und die unsere Entwicklungsabteilung tagtäglich zu neuen Höchstleistungen anspornen. Die ISO-Norm, die jetzt beraten wird bzw. teilweise schon veröffentlicht ist, unterwandert diese Verbrauchererwartungen, indem zum Beispiel Inhaltsstoffe natürlichen Ursprungs („derived natural“) wie Emulgatoren zu 49% aus Erdölderivaten bestehen dürfen. Wie von Krystel erwähnt, erlaubt die ISO-Norm zudem den Einsatz von GVO. Ein weiteres Kritikpunkt ist die fehlende Transparenz.

Ihr sagt, dass die ISO-Norm 16128 durch die schwächeren Vorgaben eher Chance für größere konventionelle Marken ist. Was können kleinere Hersteller machen, um dafür gerüstet zu sein, wenn die großen mit ISO-basierten Naturkosmetik-Aussagen auf den Markt drängen?

Sven: Wichtig ist jetzt, die eigenen Kunden – aber auch jeden anderen Verbraucher – darüber aufzuklären, dass die ISO-Norm keine echte Alternative zu den etablierten Labels darstellt. Hierzu können Veranstaltungen, wie das NaturkosmetikCamp, beitragen, indem sie helfen, die Information so weit wie möglich zu streuen. Daher haben wir uns auch entschieden, zu diesem Thema eine Session zu machen.

Wir halten es außerdem für wichtig, sich mit der ISO-Norm zu beschäftigen und ihre Schwachstellen zu kennen, um den Verbrauchern bei Fragen dann kompetent Rede und Antwort stehen zu können. Meiner Erfahrung nach werden Kompetenz und Ehrlichkeit in solchen Fachgebieten von den Verbrauchern honoriert.

Als Ergebnis kam auch beim Camp heraus, dass durch das „Damokles-Schwert“ ISO-Norm die bestehenden Labels wie NATRUE und COSMOS näher zusammenrücken. Wo gibt es hier aktuell gemeinsame Wege?

Krystel van Hoof, NATRUE. Foto: NaturkosmetikCamp / Dirk Holst, www.dhstudio.de

Krystel van Hoof, NATRUE. Foto: NaturkosmetikCamp/Dirk Holst, www.dhstudio.de

Krystel: Als grundsätzliche, unbestrittene Übereinstimmung zwischen COSMOS und NATRUE kann man sagen, dass beide Organisationen die Verwendung von Inhaltsstoffen aus gentechnisch veränderten Organismen (wie u.a. genveränderten Pflanzen) nicht zulassen. Zudem teilen beide Organisationen die Meinung, dass ISO 16128 eine schwache Definition ist. Beide Organisationen haben zu diesem Thema Positionspapiere veröffentlicht und sind in die Arbeitsgruppe über die ISO 16128 als Sachverständigenorganisationen ohne Stimmrecht einbezogen. Weitere Informationen zu NATRUEs Position zu der ISO 16128 sind hier und in unserem Fact Sheet zu finden.

Ihr habt betont, dass Transparenz extrem wichtig ist. Wie kann Aufklärung funktionieren, damit der Konsument noch genauer hinschaut?

Es ist wichtig, dass auf dem Produkt direkt erkennbar ist, nach welchen Regeln es zertifiziert wurde. Zertifizierungslabels wie NATRUE bieten eine wichtige Orientierungshilfe und sind ein wesentliches Erkennungsmerkmal, das die Verbraucher auf einen Blick erkennen können. Mit dem NATRUE-Siegel kann sich der Verbraucher sicher sein, dass es sich bei dem Produkt um ein authentisches Bio- (oder Naturkosmetik-)Produkt handelt, das einem strengen, unabhängigen Zertifizierungsprozess unterzogen wurde.

Demgegenüber wird es auf Produkten keinen sichtbaren Verweis auf die ISO-Norm 16128 geben, da das ISO-Logo nicht für den Gebrauch erlaubt ist. Darüber hinaus hilft die ISO-Norm 16128 den Verbrauchern nicht dabei, ein Kosmetikprodukt als biologisch oder als natürlich zu identifizieren, sondern hinterlässt sie lediglich mit der Angabe, dass das Produkt natürliche oder biologische Inhaltsstoffe enthält und wie viele (nach der Definition der ISO) es sind. Da es keine festen Kriterien gibt, wird es den Herstellern überlassen, wann sie ein Produkt als natürlich/biologisch betrachten: Ab 20, 30, 70 oder 100% natürlicher Inhaltsstoffe? Darüber hinaus ist auch die Definition der ISO von „natürlich“ (GVO, Produkte aus GVO, petrochemische Zutaten …) fragwürdig.
Genauso wichtig ist, dass die Kriterien hierfür für jeden frei einsehbar und überprüfbar sind.

In diesem Sinne ist es – insbesondere gegenüber den Kunden – unverantwortlich, dass die ISO-Norm nicht frei zugänglich ist. Man kann nicht erwarten, dass sich jeder Kunde die beiden Teile der Norm für viel Geld kauft, nur um nachzuvollziehen, nach welchen Regeln gerechnet wurde. Die Richtlinie kann also von den Herstellern mehr oder weniger frei interpretiert werden, die dann ihre eigene Vorstellung von „Natur-“ oder „Bio-“ auf den Markt bringen. Der Verbraucher hat keine Rückversicherung, dass das Produkt seinen Erwartungen tatsächlich entspricht, zumal die Richtlinie nur zum Prozentgehalt der natürlichen/biologischen Inhaltsstoffe Informationen gibt. Diese Zahl repräsentiert nur einen Ausschnitt bestimmter Zutaten und nicht das gesamte Produkt. Die Standards der etablierten Label, wie NATRUE, sind im Internet dagegen für jeden frei zugänglich und überprüfbar.

Session von Krystel van Hoof und Sven Gehrig beim NaturkosmetikCamp 2017, Foto: NaturkosmetikCamp / Dirk Holst, www.dhstudio.de

Session von Krystel van Hoof und Sven Gehrig beim NaturkosmetikCamp 2017, Foto: NaturkosmetikCamp/Dirk Holst, www.dhstudio.de

Als große drei Herausforderungen der verschiedenen Labels habt ihr Generationenwechsel, Emotionalität und fachlichen Hintergrund, der verloren geht, definiert. Könnt ihr das genauer erklären?

Konsumenten erwarten von einem Produkt heutzutage mehr als früher – vor allem von einem Natur-/Bioprodukt, da sie sich des Greenwashings und der Auswirkungen des Produktinhalts im Hinblick auf die Gesamtnachhaltigkeit bewusster geworden sind. Wenn sich Verbraucher authentische Natur- oder Bioprodukte wünschen, müssen sich Hersteller an diesen Ansprüchen messen lassen. Die Attribute eines Produktes sind dementsprechend an die Erwartungen der Verbraucher gebunden. Für die großen Pioniere der Naturkosmetik ist es ein Bedürfnis, ihre Authentizität zu bewahren und sich nach den Interessen der Verbraucher zu richten, indem sie Produkte herstellen, die auf strengen, transparenten Kriterien – wie denen von NATRUE – basieren.

Die größte Herausforderung ist hierbei die Diversität und Anzahl der Naturkosmetik-Label. Es besteht die Gefahr, dass die Naturkosmetik-Branche nicht mit einer Stimme spricht, deshalb nicht ernst oder sogar überhaupt nicht wahrgenommen wird und daher die Interessen der Verbraucher nicht mit allem Nachdruck vertreten kann. Deshalb ist es wichtig, dass bei zentralen Themen zusammengearbeitet wird, ohne dass übermäßige Emotionalität und Konkurrenzdenken dies behindern.

In welchem Status befindet sich aktuell die ISO-Norm und gibt es auch gute Seiten?

Der erste Teil ISO 16128-1 wurde Februar 2017 veröffentlicht; der 2. Teil am 26. September 2017. Beide Teile dürfen nun verwendet werden. Eine Bewertung der möglichen Änderungen an dem Dokument, die seit der letzten Sitzung des ISO-Fachausschusses in Paris Anfang dieses Jahres eingeführt wurden, wird zur Vollständigkeit durchgeführt.

Was man als „gute Seite“ an der ISO-16128-Norm bezeichnen kann, ist, dass sie die erste Norm ist, die auf internationaler Ebene durch nationale Standardisierungsgremien der teilnehmenden Länder verfasst wurde. Dies zeigt, dass ein gemeinsames Bemühen auf internationaler Ebene durch das Involvieren verschiedener Parteien möglich ist. Doch das Ergebnis entspricht nicht den Erwartungen der authentischen Naturkosmetikbranche, die an dem Prozess teilgenommen hat, aber nicht dazu befugt war, ihre Stimme abzugeben. Somit wurden auch die Erwartungen der Verbraucher an Natur- und Biokosmetik-Produkte nicht berücksichtigt.

Die Definitionen der ISO 16128 sind schwächer als die etablierten Standards, wie z.B. bei NATRUE, und die Richtlinien sind inhärent flexibler: Sie lassen Raum für Interpretationen, welche zu Produkten führen können, die den Erwartungen der Verbraucher nicht entsprechen. Mit dem NATRUE-Siegel auf einem Produkt kann sich der Verbraucher sicher sein, dass es strenge Kriterien erfüllt, die seinen Erwartungen gerecht werden.

Danke Krystel van Hoof und Sven Gehrig, dass ihr euch Zeit genommen habt, unsere Fragen zu beantworten.