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Was die Jungen Wilden von Pionieren lernen können (und umgekehrt): Podiumsdiskussion beim NaturkosmetikCamp 2017

Was war früher anders und was können wir mitnehmen in die Zukunft? Darüber tauschten sich die vier Pioniere Maria Pieper, Bettina Wyciok, Ute Leube und Dietmar Wolz mit den zwei Newcomern Christina Roth und Felix Ermer bei der Podiumsdiskussion im Rahmen des NaturkosmetikCamp 2017 aus. Diskutiert wurde über ihre Motivation, führende Naturkosmetik-Marken zu entwickeln, über Herausforderungen und Werte, aber auch über Produktentwicklung und Vermarktung.

Bei der Diskussionsrunde haben sich Pioniere sowie Newcomer der Naturkosmetik-Branche über ihre Erfahrungen ausgetauscht. Foto: NaturkosmetikCamp / Dirk Holst

Bei der Diskussionsrunde haben Pioniere sowie Newcomer der Naturkosmetik-Branche ihre Erfahrungen ausgetauscht. Foto: NaturkosmetikCamp/Dirk Holst

Die Anfänge – vom Reinrutschen und vom zielstrebigen Unternehmergeist

Schon die Einstiegsfrage von Moderator Bodo Kubartz nach dem Warum der Unternehmensgründung zeigte deutliche Generationsunterschiede auf und ließ uns träumerisch zurückblicken zu den Anfängen. Bei Ute Leube (Gründerin Primavera) war es ganz einfach eine Liebesgeschichte zu ätherischen Ölen. So einfach war es aber doch nicht, denn sie hatte damals nicht geahnt, was dabei alles dranhängt, und ergänzt selber, „sonst hätte ich diese Reise auch nicht auf mich genommen“. Maria Pieper (Gründerin MARíAS Biokosmetik Manufaktur) hat, nach dem Umzug auf einen Bauernhof in der Südsteiermark, für die Selbstversorgung Kräuter angebaut und daraus entstand auch die erste Ringelblumensalbe. Für sie ein typischer Beginn in Zeiten des Aufbruchs der 68er Generation. Apotheker Dietmar Wolz (Inhaber Bahnhof-Apotheke) wollte sich dagegen schon immer selbstständig machen, ist allerdings erst durch die Arzneimittelherstellung in die Naturkosmetik reingerutscht und betont, selber „blauäugig in die Herstellung reingegangen und auch reingewachsen“ zu sein.

Ganz anders sah es da bei den Jungen Wilden aus. Christina Roth (Gründerin UND GRETEL) ist mit ganz genauen Vorstellungen an die Sache rangegangen. Sie wollte mit ihrer dekorativen Naturkosmetik im High-End-Bereich eine Nische auf dem Markt füllen. Und auch Felix Ermer (Gründer und Geschäftsführer Brooklyn Soap Company) hat mit seinen Kompagnons zielstrebig die Entwicklung von Naturkosmetik für den Mann aufgebaut.

„Tja und bei der Weleda“, so erzählt Bettina Wyciok (Head Corporate Sustainability bei Weleda), als Einzige keine Unternehmerin in der Runde, „war es vor fast 100 Jahren ganz klar ein gesellschaftspolitischer Impuls, als zwischen den Weltkriegen die Weleda entstand.“

Von anderen Zeiten und neuen Herausforderungen

Von der Motivation ging es dann schnell über zu der Frage, was damals anders war. Welche unterschiedlichen Herausforderungen haben die Unternehmen meistern müssen? Was ist leichter geworden und was schwerer?

Hier sind sich die Pioniere einig, als Ute Leube es klar auf den Punkt bringt: „Vieles war einfacher, weil wir einfach losgelegt haben, ohne dass uns jemand auf die Finger geguckt hat. Das lag auch daran, dass wir in einer Nische waren, belächelt wurden und uns keiner auf den Prüfstand gestellt hat. Heute sind wir mir Regularien überfrachtet.“ Andererseits sind die Pioniere auch aus der Spinnerecke raus, wie sie betont. „Naturkosmetik ist in der Öffentlichkeit gelandet. Es ist keine Frage mehr des guten Gewissens, sondern man weiß, dass Naturkosmetik wirklich etwas kann.“

Aber nicht nur was Image und Regularien betrifft, hat sich vieles geändert. Maria Pieper erzählt, dass sie damals auf der Suche nach Rohstoffen kurzerhand nach Indien reiste. Heute findet diese Suche bequem über das Internet statt.

Während die Pioniere eher übers Loslegen und Ausprobieren berichteten, ging es bei den Jungen Wilden, anders als der Name vermuten lässt, um knallharte Managementthemen: die Positionierung auf dem Markt, Konkurrenz und Performance. Sowohl Christina Roth als auch Felix Ermer berichten beide vom Druck, Produkte auf den Markt zu bringen, die, was Performance und Markenauftreten betrifft, mit konventionellen Marken mithalten können. Große Herausforderungen hierbei waren z.B. bei UND GRETEL die Farbintensität der Produkte und bei Brooklyn Soap Company Haarstyling-Produkte für den Mann.

v. links: Veranstalter Wolfgang Falkner, Maria Pieper und Ute Leube. Foto: NaturkosmetikCamp / Dirk Holst, www.dhstudio.de

Von links: Veranstalter Wolfgang Falkner, Maria Pieper und Ute Leube. Foto: NaturkosmetikCamp/Dirk Holst, www.dhstudio.de

Werte der Nachhaltigkeit sind tief verankert und generationsübergreifend

Beim Werteverständnis ähneln sich die Generationen wiederum sehr. Die Kosmetik von Dietmar Wolz entstand aus dem Streben nach Minimalismus. „Weg von Konservierungsstoffen, weg von Paraffinen – so sind wir automatisch in den Naturbereich reingeraten. Wir arbeiten bis heute mit wenigen Lieferanten, die jedoch zu den Rohstoffen Bezug haben, und versuchen mit einem kleinen Wachstum zurechtzukommen.“ Auch Christina Roth setzt bei der Produktentwicklung auf Minimalismus und möchte mit einem überschaubaren Sortiment zum bewussten Konsum anregen.

Aber es gibt auch Unterschiede zwischen den Generationen. Sowohl bei der Weleda als auch bei Primavera sind die Werte der Nachhaltigkeit tief verankert. Ute Leube:

Für mich ist wichtig, dass wir so nah an der Natur sind wie möglich. Weil ich glaube, dass diese Weisheit nicht getoppt werden kann durch menschliche Kenntnisse.

Bei der Weleda, einem Unternehmen, das sich in den Dienst des Menschen und der Welt stellt, geht es sogar um ein tief verwurzeltes Grundverständnis für das Leben. „Es war selbstverständlich, eine Verantwortung für das Handeln zu übernehmen. ‚Im Einklang mit Mensch und Natur‘ stand immer im Vordergrund.“ Bei den Jungen Wilden sind diese Werte zwar vorhanden, aber weniger tief verankert. Sie wollen Naturkosmetik für alle zugänglich machen. Teils ist das missionarisch, teils wurde hier aber auch ganz konkret und unternehmerisch nach Marktlücken gesucht. Felix Ermer sieht aber ganz klar, dass das Verständnis für Nachhaltigkeit, dank der Pionierarbeit, nun tief in der Gesellschaft verwurzelt ist und die jungen Marken eben genau darauf aufbauen können. „Wir wollten auch ‚normale‘ Männer, keine überzeugten Biokonsumenten, überzeugen, dass es verträglicher und nachhaltiger ist, Naturkosmetik zu konsumieren, und dass es auch cool sein kann.“

Die Werte der Nachhaltigkeit gilt es auch an zukünftige Generationen weiterzugeben. Laut Bettina Wyciok hängt dies bei der Weleda vom Handeln der Geschäftsleitung ab und davon, wie sie dieses Verständnis neuen MitarbeiterInnen mitgibt. Maria Pieper findet es schön, zu sehen, mit welchem Engagement auch ihre Kinder die Philosophie hinter MARíAS leben. Ute Leube von Primavera zieht die Kreise weiter. Sie sieht, wie das Verständnis für Umwelt und Nachhaltigkeit die letzten 30 Jahre weltweit gewachsen ist, eben nicht nur im Unternehmen.

„Konsum kann nur reduziert werden, indem einem klargemacht wird, was zählt: nicht viel, sondern das Richtige." so Christina Roth zum Thema Produktentwicklung. Personen v. links: Christina Roth, Felix Ermer. Foto: NaturkosmetikCamp / Dirk Holst, www.dhstudio.de

„Konsum kann nur reduziert werden, indem einem klargemacht wird, was zählt: nicht viel, sondern das Richtige“, so Christina Roth zum Thema Produktentwicklung. Personen (von links): Christina Roth, Felix Ermer. Foto: NaturkosmetikCamp/Dirk Holst, www.dhstudio.de

Aktuelle Herausforderungen bei der Produktentwicklung

Und was sind die aktuellen Herausforderungen, wenn es um Produktentwicklung und Kundenwünsche geht?

Die Weleda schaut genau, was zur Marke passt, und verzichtet darum bewusst auf die Entwicklung von dekorativer Kosmetik. Maria Pieper erzählt von den neuen Bedingungen der Produktentwicklung. Die Möglichkeiten eines Labors treiben sie an, neue Sachen auszuprobieren. Dabei schaut sie aber immer genau, was der Markt will und was Sinn macht. Ute Leube ergänzt, dass die Produktion neuer Produkte nicht nur intensiver, sondern auch unflexibler geworden ist. Gleichzeitig geht Primavera mehr auf Kundenwünsche ein als früher. „Wir haben viele Jahre missachtet, was der Markt will und einfach gemacht, was uns Spaß macht. Wir gingen nicht direkt auf die vielen Bedürfnisse der Kunden ein, haben aber auch nicht geschaut, ob sich ein Produkt lohnt. Inzwischen müssen wir das. Das ist ziemlich aufwendig und es dauert teilweise 1,5 Jahre, bis ein Produkt steht. Früher ging so etwas in ein paar Monaten. Wir sind erschreckend unbeweglich geworden.“

Christina Roth hat hier eine Bremse gezogen. Sie will deutlich den Trieb nach immer mehr und immer wieder Neuem aufhalten. „Konsum kann nur reduziert werden, indem einem klargemacht wird, was zählt: nicht viel, sondern das Richtige. Hierbei ist es wichtig, die Kunden aufzuklären und durch das Entziehen etwas Besonderes zu kreieren.“

Und auch die Bahnhof-Apotheke bleibt, auch wenn es um Produktentwicklung und Kundenwünsche geht, dem Wert des Minimalismus treu. „Wir reagieren primär auf Kundenwünsche, da wir eine Manufaktur geblieben sind. So produzieren wir auch mal ein Produkt mit einer Auflage von zehn Stück. Einige Produkte werden groß, weil die Kunden sie gut finden. Andere bleiben klein, halten sich aber lange bei den Kunden. Nahe an dem Kunden zu sein ist darum für uns ein ganz wichtiges Thema. Und manchmal kommt die Zusammenarbeit auch nicht zustande, weil wir Kundenwünsche von unserer Philosophie her nicht umsetzen können.“

Die Brooklyn Soap Company geht hier noch etwas weiter und greift die Kundenwünsche auf, indem sie nicht nur Produkte entwickelt, sondern auch das Interesse nach Pflegetipps sättigt. So verkauft sie mehr als nur Produkte. Felix Ermer bringt es ganz klar auf den Punkt: „Wir verkaufen ,Auf keinen Fall abrasieren!‘ – selbst dann nicht, wenn der Bart mal juckt oder kratzt. Wir machen viel Marketing über Videos und suggerieren als Marke eine Offenheit und entwickeln die User-Experimente der Kunden.“

NaturkosmetikCamp 2017, Diskussionsrunde zum Thema: „Produktentwicklung und Vermarktung: Was die jungen Wilden von Pionieren lernen können (und umgekehrt)“, Foto: NaturkosmetikCamp / Dirk Holst, www.dhstudio.de

NaturkosmetikCamp 2017, Diskussionsrunde zum Thema: „Produktentwicklung und Vermarktung: Was die jungen Wilden von Pionieren lernen können (und umgekehrt)“, Foto: NaturkosmetikCamp/Dirk Holst, www.dhstudio.de

Naturkosmetik wird auch in zehn Jahren noch bestehen und selbst tonangebend sein

Und wie schaut es in zehn Jahren aus? Bettina Wyciok warnt vor naturnahen Kosmetikmarken, die im Markt mitmischen wollen. Christina Roth ist hier etwas optimistischer und glaubt, dass Greenwashing nicht mehr standhalten wird, einfach weil Kunden besser informiert sind. Auch Maria Pieper sieht die Zukunft optimistisch. „Immer mehr Menschen wollen nachhaltig leben und das ist wunderbar! Es bleibt aber wichtig, die Nische gut zu besetzen und auch die Unterschiede zwischen Bio- und Naturkosmetik deutlich zu machen.“ Und auch Ute Leuber von Primavera glaubt, dass sich alles weiterentwickeln wird. „Nur weil die Großen sich weiterentwickeln, stehen wir ja nicht still. Die Schwerpunkte werden sich verschieben. Es wird mehr Richtung Gesundheit gehen und um die Eigenverantwortung für einen gesunden Körper und einen gesunden Geist. Und da werden wir noch viele Antworten bringen als Naturkosmetik-Branche.“

Es war eine sehr interessante Podiumsdiskussion, die mal wieder aufgezeigt hat, wie viel Engagement und Leidenschaft in der Branche vorhanden ist und wie viel wir von Pionieren, aber auch von den Jungen Wilden lernen können. Der Blick in die Vergangenheit lässt einen träumen und löst viel Bewunderung für die Pioniere aus. Der Drive der Jungen Wilden inspiriert. Und der Blick in die Zukunft macht Lust auf mehr, zeigt aber eben auch auf, dass die Branche nicht stillstehen darf. Wir freuen uns daher auf alles, was kommen wird, und sind gespannt auf das, was die Naturkosmetik-Branche auch in Zukunft bieten wird!