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Will blogs survive? Über das Zusammenspiel von Bloggern und Unternehmen. Interview mit Annemarie und Anna-Lena von sieben&siebzig

Welche Wünsche haben Blogger an Unternehmen und umgekehrt? Und gibt es Blogs in 10 Jahren überhaupt noch? Zwei spannende Fragen, die in der Session von Annemarie Bernhardt und Anna-Lena Berninger von der Agentur sieben&siebzig beim NaturkosmetikCamp 2017 diskutiert wurden. Mehr dazu im ausführlichen Blogbeitrag.

Anna-Lena Berninger (rechts) und Annemarie Bernhardt im sieben&siebzig-Büro in Berlin. Foto: sieben&siebzig

Anna-Lena Berninger (rechts) und Annemarie Bernhardt im sieben&siebzig-Büro in Berlin. Foto: sieben&siebzig

In eurer Session beim NaturkosmetikCamp ging es um das Zusammenspiel von Bloggern/Influencern auf der einen Seite und Unternehmen auf der anderen Seite. In der Session wurde u.a. ausgearbeitet, dass Respekt beiderseits eine große Rolle spielt. Warum läuft es trotzdem oft nicht reibungsfrei?

Anna-Lena: Auf beiden Seiten scheint teils noch Unsicherheit zu herrschen, wie das Gegenüber angesprochen werden soll und möchte, was hier die richtige Strategie ist. Dabei ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass hinter jeder E-Mail-Adresse ein Mensch sitzt, der sich in den meisten Fällen über Interesse an seinem Blog/Unternehmen freut. Oft spielt sicherlich auch fehlende Zeit bzw. fehlende „Manpower“ eine Rolle. Wenn man kurzfristig, unbedacht und schnell beim Thema Blogger Relations mitmachen möchte, geht das oft schief.

Sowohl auf Unternehmens- als auch auf Blogseite sollte sich unbedingt jemand vorher mit dem Gegenüber auseinandersetzen und sich über die jeweiligen Ziele und Wünsche im Klaren sein. Wahllos unpersönliche Massen-E-Mails zu schreiben und beispielsweise rein veganen Blogs nichtvegane Produkte zu senden, wird einfach als unbedacht und respektlos empfunden. Ebenso wie eine Copy/Paste-E-Mail mit der Frage nach irgendeiner Kooperation und Media Kit als Anhang auf der anderen Seite.

Eine weitere Erkenntnis eurer Session war, dass eine „Entmystifizierung“ der Blogger, und kein „Gießkannensystem“ wünschenswert wären. Könnt ihr hier näher darauf eingehen?

Annemarie: Der schöne Begriff stammt von Franziska, Veggie Love, und beschreibt es ganz gut. Es gibt sie wirklich, diese unwissende Angst vor dem „Blogger, dem unbekannten Wesen“, wie auch der Aufhänger in ihrer Session lautete. Das Schöne ist doch aber, dass auf beiden Seiten (Blog/Unternehmen) ganz normale Menschen aufeinandertreffen. Und so sollte auch der Umgang miteinander ablaufen – menschlich. Dagegen spricht natürlich das „Gieskannensystem“. Statt eine Masse an Bloggern anzusprechen, raten wir, vorab mit Herz und Verstand zu selektieren und die Blogger sehr individuell anzusprechen.

Man muss sich nur einmal kurz überlegen:

Wen möchte ich auf meiner Einweihungsparty dabeihaben?

Da lade ich ja auch nicht wahllos jeden ein, vor allem nicht unpersönlich. Nicht umsonst heißt es Blogger Relations – es geht wirklich um Beziehungen, die gepflegt werden wollen. Dafür stehen wir als PR-Agentur den Unternehmen gerne beiseite.

Session von Anna-Lena Berninger und Annemarie Bernhardt beim NaturkosmetikCamp 2017. Foto: NaturkosmetikCamp / Dirk Holst, www.dhstudio.de

Session von Anna-Lena Berninger und Annemarie Bernhardt beim NaturkosmetikCamp 2017. Foto: NaturkosmetikCamp / Dirk Holst, www.dhstudio.de

Welche weiteren Tipps könnt ihr Unternehmen geben, die gerne mit Bloggern/Influencern zusammenarbeiten möchten?

Anna-Lena: Das Feedback aus unserer Session hat dies noch einmal bestätigt: Wirklich wichtig ist, sich erst einmal zu überlegen: Welcher Blog passt zu meinem Unternehmen? Welche Geschichte möchte ich umsetzen? Mit welchem Blogger? Hier sollte Qualität und zielgruppengerechte Selektion über Quantität stehen.

Außerdem ist Offenheit und Kreativität ein Plus. Bei unserer Arbeit merken wir immer wieder, Blogger freuen sich in den meisten Fällen, wenn man konkrete und auch mal außergewöhnliche Ideen zur Umsetzung einer Kooperation mitbringt, natürlich mit der Option zur individuellen Umsetzung. Und zu guter Letzt: einfach mal den ersten Schritt wagen und Austausch und persönliche Gespräche suchen. Jede noch so gut durchdachte Strategie ersetzt nicht Persönlichkeit und Sympathie.

Was können auf der anderen Seite Blogger/Influencer beherzigen?

Anna-Lena: Für Blogger und Influencer gilt eigentlich Ähnliches: Sich mit den Unternehmen zu beschäftigen, mit denen sie arbeiten wollen, und deutlich machen, warum. Auch der Leser merkt ja am Ende des Tages, wenn hinter einem Blogpost echte Begeisterung und Leidenschaft für ein Produkt/Unternehmen und Thema steckt. Das macht den Blog authentischer. Auch hier gilt Offenheit auf Augenhöhe. Kein Unternehmen ist beleidigt, wenn ein Produkt nicht dem persönlichen Geschmack entspricht oder ein Konzept nicht zur Philosophie des Blogs passt.

Jedes Unternehmen freut sich aber umso mehr, wenn ein Lieblingsthema des Bloggers ausführlich und mit Leidenschaft behandelt wird. Auch der Wunsch nach Professionalität kam von Unternehmensseite auf. Wer einen Blog als ein Unternehmen führen möchte, sollte mit Zahlen und Argumenten, die für eine Zusammenarbeit sprechen, nicht hinterm Berg halten und diese auch professionell darstellen und aufarbeiten.

Es wurde auch eine Art „Zertifizierung“ für Blogs angesprochen – ist das wirklich realistisch und sinnvoll oder ist heute die Reichweite das Maß aller Dinge?

Annemarie:

Don’t play the numbers game!

Bei sieben&siebzig steht Persönlichkeit immer vor den nackten Zahlen. Wenn uns Blogger anschreiben, schaue ich mir die Media Kits meist erst ganz zum Schluss an, wenn überhaupt. Zuerst einmal geht es uns um das „Look & Feel“. Ich schaue mir das Blog-Konzept genau an, die Person dahinter, die Interaktion zu den Lesern und so weiter. Wir raten Unternehmen dazu, sich vorab folgende Fragen zu stellen: Welcher Blogger passt zu meiner Marke? Wer kann meine Geschichte wirklich authentisch erzählen? Welche Kanäle (Blog, Facebook, Instagram, Youtube) bevorzugt meine Zielgruppe? Das muss dann nicht unbedingt ein followerstarker Instagrammer sein (Stichwort Fake Followers), dann vielleicht lieber die nahbare Bloggerin, die sich super mit dem jeweiligen Thema auskennt und sich seit Jahren über eine treue und aktive Leserschaft freut.

Die angesprochene „Zertifizierung“ bezieht sich hier mehr auf qualitativen „Green Content“ von Bloggern/Instagrammern/Vloggern. Wir möchten es Unternehmen ein wenig erleichtern, ihre „Perfect Matches“ im Netz zu finden. Auf der anderen Seite wollen wir den Bloggern zukünftig eine Plattform bieten – ein starkes Netzwerk in einer vermeintlichen Nischenbranche.

Eine Mitarbeiterin von sieben&siebzig bei der Arbeit. Foto: sieben&siebzig

Eine Mitarbeiterin von sieben&siebzig bei der Arbeit. Foto: sieben&siebzig

Um zur Eingangsfrage zurückzukehren: Blogs wird es hoffentlich auch noch lange geben. Was kann man machen, damit der eigene Blog nicht stirbt und auch in 10 Jahren noch top ist?

Dein Blog, dein Zuhause, deine Regeln!

Annemarie: In Zeiten von schnelllebigen Social-Media-Hypes finden wir es wichtig, auf ein starkes Fundament zu bauen. Es ist meist bedenklich, sich nur auf die kostenfreie Kanäle von Drittanbietern zu fokussieren. Was ist, wenn Instagram und Co. ab morgen ein neues Bezahlsystem einführen und zukünftig jeder Post einen bestimmten Betrag kostet oder im schlimmsten Falle willkürlich Bilder und/oder Content von meinem Account gelöscht werden? Wer erinnert sich noch an Myspace? Natürlich finden wir es wichtig und gut, sich im Social-Media-Bereich breit aufzustellen, vieles auszuprobieren. Nur sollte man darauf achten, dass der eigene Content geschützt ist und vor allem auch so unverwechselbar, dass er auch noch in 10 Jahren Bestand hat.

Die Blogger, denen ich auch privat gerne folge, liefern ihren Lesern über Jahre hinweg tollen Content. Spannende Interviews, Background-Storys und tolle Insights zum Thema Naturkosmetik. Natürlich bin ich auch ein Grafik-Junkie und freue mich über all die schön aufbereiteten Blogs, Blogzines und Storyteller, die mich mit tollem Bildmaterial ein paar Sekunden länger am mobilen Screen halten können. Allen voran verbinden wir Blogs immer mit einer bestimmten Persönlichkeit. Deswegen freuen wir uns immer, Blogger-Events zu besuchen oder zu veranstalten. Schluss mit der „Entmystifizierung“.

Vielen Dank, Anna-Lena und Annemarie, dass ihr euch Zeit für unsere Fragen genommen habt!