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Die Seele hat kein Alter. Interview mit Sonja Schiff, Keynote-Speakerin beim NaturkosmetikCamp 2017

Buchautorin und Alternswissenschaftlerin Sonja Schiff hält die Keynote beim NaturkosmetikCamp 2017. Ihr Thema „Was ich als Altenpflegerin von alten Menschen über das Leben, über Schönheit und das Älterwerden lernte“. Weil wir schon sehr neugierig sind, haben wir ihr schon vorab ein paar Fragen gestellt.

Sonja Schiff spricht beim NaturkosmetikCamp 2017 zum Thema „Was ich als Altenpflegerin von alten Menschen über das Leben, über Schönheit und das Älterwerden lernte“. Foto: www.lukasbeck.com

Sonja Schiff spricht beim NaturkosmetikCamp 2017 zum Thema „Was ich als Altenpflegerin von alten Menschen über das Leben, über Schönheit und das Älterwerden lernte“. Foto: www.lukasbeck.com

Wir freuen uns sehr, dass du ohne Zögern als Keynote eingesprungen bist, nachdem Silvana Denker von Bodylove leider absagen musste. Was hat dich an dieser Aufgabe gereizt?

Ich fand deine Anfrage überaus spannend und für mich auch sehr überraschend. Menschen aus dem Tätigkeitsfeld Naturkosmetik in Kontakt zu bringen mit dem Thema Alter, in meinem Fall als Altenpflegerin mit dem hohen Alter, das nenne ich schon einen mutigen Schritt von dir als Veranstalter. Ich halte diese Entscheidung allerdings für sehr zeitgemäß, denn wir leben in einer älter werdenden Gesellschaft. Immer mehr Menschen müssen sich, ob sie das nun wollen oder nicht, mit ihrem eigenen Älterwerden auseinandersetzen. Mit der Frage, was Schönheit und Selbstbewusstsein ausmacht abseits von Faltenfreiheit und Jugendlichkeit.

In deinem Buch stellst du 10 Dinge vor, die du als Altenpflegerin von alten Menschen gelernt hast. Was ist dabei für dich der stärkste Gedanke?

Das erste Buch von Sonja Schiff mit dem Titel „10 Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte“. Foto: edition a Verlag

Das erste Buch von Sonja Schiff mit dem Titel „10 Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte“. Foto: edition a Verlag

Meine intensivste Erkenntnis ist, dass wir Menschen erst am Ende unseres Lebens verstehen, wie Leben funktioniert, und uns genau dann von dieser Welt verabschieden müssen. Am Höhepunkt unserer geistigen Entwicklung. Davon haben mir viele alte Menschen erzählt, oft ganz kurz vor ihrem Tod. Wir Menschen verschwenden mehr als die Hälfte unseres Lebens mit Dingen, die nur scheinbar wichtig sind. Mit dem Älterwerden lernen wir immer mehr, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden, und erst am Ende des Lebens wissen wir, was wirklich wesentlich war. Erst kurz vor unserem Tod erreichen wir Tiefe, kommen wir quasi auf den Kern. Diesen Gedanken finde ich inspirierend.

Was mich beim Lesen besonders beeindruckt hat, war der Satz von Frau Minding: „Die Seele hat kein Alter.“ Könntest du davon kurz erzählen?

Die 95-jährige ehemalige Opernsängerin Marianne Minding berichtete mir, dass wir Menschen in uns drin, in unserer Seele, kein Alter hätten, zeitlos sind, einfach nur wir sind. Was altert, ist unser Körper. Dadurch entsteht im Laufe des Lebens eine Diskrepanz zwischen dem persönlich gefühlten Alter und dem körperlichen Alter. Frau Minding erzählte mir etwa, dass sie morgens manchmal voll Lebenslust aus dem Bett springen möchte. Doch beim ersten Versuch, die Beine über die Bettkante zu werfen, würde sie sich augenblicklich ihres alten Körpers bewusst werden und sich daran erinnern, dass sie eine alte Lady geworden ist. Ich glaube, dieses alterslose Selbst ist auch der Grund, warum wir irgendwann zurückschauen und nicht glauben können, dass wir schon am Ende unserer Reise angekommen sind.

Warum tun wir uns so schwer damit, das Alter auch als schön anzuerkennen?

Ich denke, das Alter macht uns einfach Angst. Unsere Endlichkeit auf dieser Welt, das Thema Sterben, nicht zu wissen, wohin danach die Reise geht, dazu der körperliche Prozess des Alterns, die Verluste – all das macht Angst, und was uns Angst macht, das verdrängen wir Menschen gerne. Außerdem fehlten uns bis vor Kurzem Vorbilder fürs Alter, weil alte Menschen öffentlich kaum vorkamen, sondern irgendwie unsichtbar wurden. Hier sehe ich aber einen gesellschaftlichen Wandel. Immer mehr Menschen, vor allem immer mehr Frauen, thematisieren ihr Älterwerden und zeigen sich öffentlich. Unser Blick auf das Alter wird sich verändern. Ich bin mir sicher, das Alter wird bunter werden und freier.

"Unser Blick auf das Alter wird sich verändern. Ich bin mir sicher, das Alter wird bunter werden und freier." Foto: Rochus Gratzfeld

„Unser Blick auf das Alter wird sich verändern. Ich bin mir sicher, das Alter wird bunter werden und freier.“ Foto: Rochus Gratzfeld

Stichwort „Körperwahn“, der besonders junge Mädchen, aber vermehrt auch Burschen betrifft. Wie können einzelne Personen Gegenpole zu den von den Medien propagierten Schönheitsidealen erzeugen?

Für mich fängt das Nachjagen eines Schönheitsideals in der Familie an. Eine Mutter, die sich selbst nicht mag, die an sich herummäkelt, die ständig auf Diät ist, die ihre Oberschenkel als Problemzone definiert, die sich ohne Make-up nicht aus dem Haus wagt, vermittelt ihrer Tochter, dass sie als Frau permanent an sich arbeiten muss, um gut genug zu sein für diese Welt. Mir hat kürzlich eine Apothekerin erzählt, dass es oft die Mütter sind, die ihre Töchter an Abnehmpillen heranführen. Ist doch Wahnsinn! Die Medien setzen an diesen erlernten Selbstzweifeln nur auf, zugegeben mit großem Erfolg.

Würden Eltern ihren Kindern hier vorleben, dass sie sich in ihrer Haut als Mann oder Frau wohlfühlen, ihr Lebensglück finden, trotz eines ganz normalen Gesichts und Körpers, dann wäre schon viel gewonnen.

Welche Verantwortung haben hier deiner Meinung nach die Kosmetik- und im Speziellen die Naturkosmetik-Hersteller?

Die Naturkosmetikbranche könnte sich maßgeblich von der „normalen“ Kosmetik unterscheiden. Mit der gängigen Kosmetik assoziiere ich ein uniformes Schönheitsbild – ebenmäßige Gesichtszüge, glatte Haut und die Verwendung von viel Farbe, um als Frau angeblich besser auszusehen. Es wäre toll, wenn Naturkosmetik eine andere Geschichte erzählen würde. Die Geschichte von Frauen und Männern jeden Alters, jeder Größe, jeder Körperform, die sich in ihrer Haut bereits wohlfühlen und genau deshalb Ausstrahlung haben.

Naturkosmetik als Unterstützung in der täglichen Pflege, um diese persönliche Ausstrahlung zum Leuchten zu bringen. Das würde ich mir wünschen.

Vielen Dank für das Interview!