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Sollten „Frei von…“-Claims frei verwendet werden dürfen?

Claims sind wichtige Instrumente für Kosmetikprodukte. Bei vielen Herstellern, insbesondere bei mittelständischen Unternehmen, helfen sie, Produkte voneinander abzugrenzen. Hierzu gehört auch die Unterscheidung zwischen Naturkosmetik und herkömmlicher Kosmetik.

"Frei von Parabenen" - ein beliebter "Free from"-Claim. Foto: Krasimira Nevenova/Fotolia

„Frei von Parabenen“ – ein beliebter „Frei von“-Claim. Foto: Krasimira Nevenova/Fotolia

Warum gibt es „Frei von …“-Claims für Kosmetikprodukte?

Alle Claims, die Kosmetik betreffen, egal ob für Natur-, Bio- oder andere Kosmetikprodukte, werden durch ein EU-Gesetz geregelt, welches sechs gemeinsame Kriterien festlegt, um die Verbraucher vor irreführenden Claims zu schützen. Das bedeutet, dass Claims begründet werden müssen. Und obwohl die Gesetzgebung von 2013 keine Vorschrift oder Definition für die Begriffe „natürlich“ und „bio“ beinhaltet, so regelt es doch Aussagen, die über alle Natur- und Biokosmetikprodukte gemacht werden.

Die Verwendung von sogenannten „Frei von …“-Claims in der Kosmetikindustrie nimmt stetig zu. Dazu gehören auch Aussagen wie „keine“, „enthält keine“ oder „ohne“. Im Lebensmittelbereich werden schon länger Claims wie „ohne Laktose“ oder „ohne Gluten“ verwendet, um Kunden zu informieren, die möglicherweise allergisch auf bestimmte Inhaltsstoffe sind. Dieser Trend ist auch im Kosmetikbereich angekommen.

Der bei Verbrauchern wohl bekannteste Claim dieser Art ist „frei von Parabenen“. Ursprünglich wurde dieser Claim eingeführt, um Produkte voneinander abgrenzen zu können, doch schon bald wurde seine Verwendung ein Muss, nur um ein Produkt auf dem Markt halten zu können. An sich können Aussagen wie „frei von xy“ als ein einfacher Weg angesehen werden, den Verbraucher zu informieren, dass ein Produkt „xy“ eben nicht enthält. Doch alle zugelassenen Inhaltsstoffe sind bereits auf der Rückseite der Verpackung aufgelistet. Dieser Sachverhalt wirft einige Fragen auf: Wird der Verbraucher hier geschützt oder irregeführt? Wird ein negativer Eindruck eines zugelassenen und wissenschaftlich als sicher befundenen Inhaltsstoffes vermittelt? Der Verbraucher könnte beispielsweise die Frage stellen: „Ist das Produkt sicherer/gesünder/besser als der Rest, weil es ‚frei von’ xy ist?“ Im Grunde ist jede Aussage, die mehr Sicherheit verspricht, irreführend für den Verbraucher. Man kann nicht von „sicherer“ sprechen, da alle auf dem Markt verfügbaren Produkte offiziell als sicher für die menschliche Gesundheit eingestuft sein müssen.

Im Großen und Ganzen könnte man solche Claims daher bestenfalls als unnötig oder verwirrend und schlimmstenfalls als irreführend charakterisieren.

Warum war eine Leitlinie zum Thema „Frei von …“-Claims notwendig?

Zur Unterstützung des Gesetzes wurde im Jahr 2013 auch die erste Claims-Leitlinie gestellt. Diese enthält allerdings keinen Verweis auf „Frei von …“-Aussagen. Da die Verwendung solcher Claims in der EU offensichtlich ansteigt, waren sich die Mitgliedsstaaten darüber einig, dass zusätzliche harmonisierende Leitlinien zur Regulierung der Claims notwendig sind.

Die Aufgabe, Leitlinien zu entwickeln, wurde an eine Arbeitsgruppe der EU-Kommission, die sich mit Claims befasst, übertragen. NATRUE nahm im Rahmen seiner Lobbyaktivitäten an dieser Arbeit teil und trug im Namen des Natur- und Bio-Kosmetiksektors zu diesem Dokument bei.

Die Tätigkeit der Arbeitsgruppe ist nun abgeschlossen. Die endgültige aktualisierte Fassung beinhaltet zwei neue Anhänge, „frei von“ und „hypoallergen“ und erklärt, wie diese Claims im Zusammenhang mit den sechs allgemeinen Kriterien zu verstehen sind. Das Update wird in Kürze veröffentlicht.

Was bedeutet das für die Natur- und Bio-Kosmetik?

Zuallererst ist anzumerken, dass jedes Kosmetikprodukt und dessen Claims gesetzlich reguliert sind. Das bedeutet im Hinblick auf die aktualisierte EU-Leitlinie, dass alle „Frei von …“-Claims, die künftig von der zuständigen Behörde einer der Mietgliedstaaten hinsichtlich der bestehenden EU-Richtlinie als irreführend eingestuft werden, automatisch auch für den Natur- und Biobereich gelten werden.

Schlussendlich bedeutet dies, dass alle Claims wie „frei von“ Konservierungsmitteln, Allergenen und Duftstoffen, die im Handel verwendet werden, erwiesen und begründet sein müssen. Ansonsten können sie als irreführend behandelt werden. Claims, die zugelassene Inhaltsstoffe verunglimpfen, wie beispielsweise „ohne Parabene“, werden voraussichtlich untersagt werden, da nicht jedes Paraben verboten ist. Einige Parabene werden nach EU-Recht als sicher eingestuft.

Für den Natur- und Bio-Kosmetiksektor ist zweifelsfrei, dass bestimmte „Frei von …“-Claims einen echten Mehrwert für den Verbraucher bieten können, solange es keine offizielle regulatorische Definition gibt. Wenn zum Beispiel Verbraucher bei einem Naturkosmetikprodukt nach einer klaren Bestätigung suchen, dass das Produkt keine petrochemischen Inhaltsstoffe enthält, kann der Claim „frei von“ sehr hilfreich sein, ohne dabei zu verunglimpfen oder in die Irre zu führen. Andererseits könnte der Ausdruck „ohne petrochemische Inhaltsstoffe“ bei manchen Verbrauchern oder nationalen Behörden auch den Eindruck vermitteln, dass Produkte mit petrochemischen Inhaltsstoffen „unsicher“ und solche mit natürlichen Inhaltsstoffen „sicherer“ sind, was – wie eingangs erläutert – nicht abschließend behauptet werden kann. Natürlich müssen dennoch alle Kosmetika sicher sein.

Für zertifizierte Naturkosmetik werden private Siegel weiterhin ihre eigenen Kriterien festlegen, die den Verbraucher darüber informieren, was erlaubt ist und was nicht. Bis es eine strenge regulatorische Definition in der Gesetzgebung gibt – wofür NATRUE sich einsetzt – können private Siegel wie NATRUE Verbrauchern Orientierung geben, speziell wenn es um Greenwashing geht. Während das Label eines privaten Siegels anzeigt, welche Inhaltsstoffe ein zertifiziertes Naturkosmetikprodukt nicht enthält, ist es wichtig anzumerken, dass jedes Produkt und dessen Claims zuallererst der Gesetzgebung unterliegen.