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Ein Streifzug durch die Welt der Aromatherapie. Interview mit Bodo Kubartz

Bereits im letzten Jahr hat Bodo Kubartz uns auf dem NaturkosmetikCamp in die Welt der natürlichen Aromen mitgenommen. Dieses Jahr folgte der zweite Teil seiner „Natural Scent Tour“. Wir haben mit ihm im Nachgang seiner Session über seine Leidenschaft für Düfte, Qualitätsmerkmale ätherischer Öle und aktuelle Herausforderungen der Aromatherapie gesprochen:

Ätherische Öle in Hülle und Fülle bilden die Grundlage der Aromatherapie. Foto: 5ph/Fotolia

Ätherische Öle in Hülle und Fülle bilden die Grundlage der Aromatherapie. Foto: 5ph/Fotolia

Bodo, bereits zum 2. Mal hast du uns beim NaturkosmetikCamp als Duftexperte mit auf eine Reise in die Welt der Aromen genommen. Woher rührt deine Passion für Düfte?

Im Grunde hatte ich schon immer ein Faible für alles Duftende. Gerne erzählen manche Protagonisten, dass sie durch ein großmütterlich-florales Parfum der Oma oder den modern-orientalischen Duft der Mutter schon in frühester Kindheit auf die Fährte gesetzt wurden. Das trifft bei mir nicht zu. Ich habe zwar schon als Kind gerne die Welt riechend entdeckt; im Teenageralter habe ich mir Parfums zu Weihnachten oder Geburtstagen gewünscht und erhalten. Ein „Parfumfreak“ war ich allerdings nie.

Den Weg in die Branche habe ich in detaillierter Kleinstarbeit selbst initiiert: Im Rahmen meiner Doktorarbeit wollte ich die Industrie unter die Lupe nehmen; vor fast zehn Jahren begann die Arbeit daran (Ph.D. 2009, University of Oklahoma, „Geographies of knowledge in the international fragrance industry“). Da ich anhand vieler Kontakte ohnehin schon in diesem Zuge ein Netzwerk aufbaute, habe ich mich entschlossen, in dem Metier zu bleiben. Mit Passion and Consulting bin ich – wie der Name schon sagt – der zur Passion gewordenen Widmung treu geblieben. In den Bereichen Entwicklung, Strategie, Vermarktung, Analyse und Kommunikation bin ich für eine Vielzahl von Unternehmen tätig. Messen, Events und Veranstaltungen organisiere ich; ich moderiere und habe ein Buch mit geschrieben. Passion steht für das inhaltliche Interesse, Consulting für das kühle Beraterauge. Beide Komponenten ergeben – fallabhängig entsprechend eingesetzt – eine wohltemperierte Wahrnehmung.

Ätherische Öle gibt es ja in Hülle und Fülle und von verschiedensten Anbietern. Woran können Verbraucher erkennen, ob es sich um hochwertige Produkte seriöser Anbieter handelt?

Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich mit den Qualitäten der ätherischen Öle zu beschäftigen. Simpelste Möglichkeit: Auf der Flasche nachschauen, welche Informationen hinterlegt sind. Die Verpackung beinhaltet bereits einige wichtige Aspekte: Herkunft, Anbauweise, Duftprofil, Haltbarkeit, Zertifizierer, Anwendungsoptionen aber natürlich auch Sicherheitsbestimmungen und Gefahrenpotenzial. Eben auch die Qualität ist benannt. Beispielsweise steht dort „Aus 100% naturreinen ätherischen Ölen“ oder „KBR – kontrolliert biologischem Anbau“. Die unterschiedlichen Charakteristika und Kennzeichnungen der Anbauformen werden zudem auf den Webseiten der Hersteller dargestellt.

Zudem ist die Erreichbarkeit des Unternehmens ersichtlich sowie meist auch Angaben zu Charge, Pharmazentralnummer und, je nach Herkunftsland, weiteren abgekürzten Informationen zur Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen (EG-Nummer). Will ich mich als kompletter Neuling dem Thema widmen, lohnt sicher das intensive Gespräch mit Beratungspersonal im Handel, das Querlesen von Fachbüchern und -blogs und das Besuchen von Veranstaltungen durch unabhängige Anbieter oder Hersteller.

Bodo Kubartz bei seiner NaturkosmetikCamp 2016 Session, Foto: Anna Breitinger

Bodo Kubartz bei seiner NaturkosmetikCamp 2016 Session, Foto: Anna Breitinger

In deiner Session bist du unter anderem auf Zitrusdüfte eingegangen. Die Grapefruit scheint ja eine Art Anti-Aging-Mittel der etwas anderen Art zu sein. Erzähl uns doch bitte mal mehr darüber!

Zitrusdüfte insgesamt sind Stimmungsaufheller schlechthin. Ein Großteil wirkt antidepressiv, motivationsfördernd und erfrischend. Die zumeist aus dem mediterranen Bereich, aus Nord- oder Südamerika bzw. Ostasien stammende Grapefruit gilt als Resultat der Kreuzung von Orange und Pampelmuse. Sie verdankt ihren Namen den weinreben- und büschelartig an den Ästen wachsenden Früchten. Gute Laune ist mit Grapefruit, Orangen und Pampelmuse garantiert: In den Büchern des bekannten Geruchsforschers und Professors für Zellbiologie Hanns Hatt erwähnt dieser etwa Forschung zum Thema Orange (Stimmungsverbesserung und Entspannung durch Methylanthranilsäure; Quelle a) sowie Pampelmuse (Verjüngung der Probandinnen, die nach rosa Pampelmuse rochen, um 6 Jahre; Quelle b). Wichtig ist jedoch, dass es sich um naturreine Aromen handeln muss, die nicht zu stark dosiert oder – umgekehrt – gestreckt werden.

Zu beachten ist ferner: Bei zitrischen Ölen ist oft die Haltbarkeit geringer (etwa ein Jahr; bessere Haltbarkeit im Kühlschrank bzw. in Dunkelheit und kühlen Räumen); die Lichtempfindlichkeit der Haut wird erhöht, sodass Hautreizungen bei direktem Auftragen hervorgerufen werden können. Daher am besten immer in einer hautfreundlichen Lösung mit fettem Öl nutzen – oder gerade jetzt in der Spätsommerzeit als „Frische-Kick und Happiness“-Duschgel oder Badezusatz, eventuell auch mit holzigen Noten gemischt, verwenden. So startet man frisch und froh in den Tag.

Natürliche Stimmungsaufheller: ätherische Zitrusöle. Foto: nikilitov/Fotolia

Natürliche Stimmungsaufheller: ätherische Zitrusöle. Foto: nikilitov/Fotolia

Das Angebot an Aromatherapie-Produkten ist inzwischen recht umfangreich. Welche Herausforderungen gilt es in Zukunft aus deiner Sicht besonders zu meistern, wenn es darum geht, neue Angebote am Markt zu platzieren?

Das Sortiment der relevanten Anbieter aromatherapeutischer Produkte wächst nach wie vor. Neue ätherische Öle, aber auch funktional orientierte Mischungen jener gilt es beispielsweise zu beachten. Diese werden zusätzlich ergänzt durch weitere Produkte wie Hydrolate/Pflanzenwässer, Pflegeöle oder Raumsprays. Grundlegende Frage hinter neuen Produkten ist natürlich: Was können diese Produkte anders oder besser als bereits existierende? In welcher Konsistenz werden sie dargeboten? Und welche Wirkung bringen sie mit sich? Ich denke, sobald klar ersichtlich ist, warum ein neues Produkt in einer bestimmten Konsistenz für ein Zielpublikum auf den Markt gebracht wird und inwiefern es existierende ergänzt bzw. im Vergleich gewinnt, hat es Chancen auf ein längerfristiges Dasein. Zudem: Die Konkurrenz unter den am Markt befindlichen Playern ist groß, sodass erfolgreiche Produkte meist keinen langen Alleinstellungswert innehaben.

Folgende Herausforderungen seien zudem beispielhaft genannt:

Wie komme ich aus meinem aktuellen Handelssegment heraus?
Die Anbieter aromatherapeutischer Produkte schaffen es aus unterschiedlichen Gründen kaum bzw. nur sehr langfristig, in anderen Handelsumgebungen gelistet zu werden. Meist sind sie auf den Natur- und Biohandel, die Drogerie oder Apotheke beschränkt – und oft ist das auch gewollt. Ab und an streben Marken aber auch in andere Bereiche: Concept Stores, Parfümerien, Fashion-Stores. Dazu muss das Erscheinungsbild, aber auch der Preis angepasst werden, sodass die Marken für die Händler lukrativ sind und vom Erscheinungsbild in den Laden passen. Oder neue Marken werden zeit- und kostenintensiv aufgebaut, die sich diesem Spektrum widmen.

Wie kann ich neue Verbraucher gewinnen?
Die Hersteller sind einer bestimmten Philosophie und Tradition verpflichtet, die sich oft aus der Historie des jeweiligen Unternehmens erklärt. Meist sind es bestimmte ethische und praktische Herangehensweisen, die dann auch zu einem charakteristischen Zielkunden passen und führten. Im Rahmen des demographischen Wandels und der Pluralisierung der Lebensstile ist gewiss an neue und andere potenzielle Verbraucher und Nutzer zu denken, die für aromatherapeutische Produkte zu begeistern sind. Welche das im Einzelnen sind bzw. sein können, ist auch unternehmens- und handelsortabhängig.

Letztlich ist auch die Preispolitik als relevante Stellschraube zu nennen.
Beim NaturkosmetikCamp 2016 wurde beispielhaft erwähnt: In den USA ist das Thema „Naturkosmetik“ viel stärker mit dem Thema „Luxus“ verbunden. Hingegen sehen wir in Deutschland aufgrund der basisdemokratischen und allgemeinwohlorientieren Vorgehensweise der 1960er/1970er-Jahre sowie der „Hobbythek-Emanzipation“ aus den 1980ern eine Preispolitik, die wenig Margenspielraum für Händler offen lässt. Die Frage dahinter: Wie kann Naturkosmetik, wie können auch aromatherapeutische Produkte preisattraktiv vorgestellt werden, um die Lücke zum Thema „Luxus“ zu schließen? Erste Ansätze von Marken, die aus dem anglo-amerikanischen Raum den Weg nach Deutschland suchen, gibt es.

Im Text genannte Quellen:

a) Hatt, H. & R. Dee (2010): Niemand riecht so gut wie Du. Die geheimen Botschaften der Düfte. München: Piper.

b) Hatt, H. & R. Dee (2012): Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken. München: Knaus.