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Ethisches Wirtschaften – Luxus in einer Luxus-Branche?

Braucht die Menschheit wirklich Lippenstifte und Nagellack? Ist nicht ethisches Wirtschaften in einer Branche, die Luxusartikel herstellt, einfach paradox? Ethik und Kosmetik – ein Widerspruch in sich?

Wirtschaftliches und gleichzeitig ethisches Handeln - (k)ein Widerspruch? Foto: Romolo Tavani/Fotolia

Wirtschaftliches und gleichzeitig ethisches Handeln – (k)ein Widerspruch? Foto: Romolo Tavani/Fotolia

Keineswegs. Natürlich sollten sich aufgeklärte Verbraucher und ethisch orientierte Hersteller über Suffizienz, also die Möglichkeit des Verzichts auf unnützen Konsum, Gedanken machen. Aber wo und wann dieser Verzicht einzusetzen hat, wo „Luxus“ anfängt, kann nicht starr vorgegeben werden. Und wenn sogenannte Luxusartikel dennoch nachgefragt werden, macht die Art der Herstellung allemal einen Unterschied.

Eben diesen Unterschied verankern viele Naturkosmetik-Produzenten aus ideellem Prinzip in ihrem Wirtschaften. Für sie steht der Umgang mit Natur und Ressourcen im Vordergrund. Als Standardinhaberin erhält die Gesellschaft für angewandte Wirtschaftsethik (GfaW) zahlreiche Anfragen von Unternehmerinnen und Unternehmern, die es ernst meinen mit dem Wort „Natur“ im Begriff Naturkosmetik. Sie möchten wissen, wie eine Marke so aufgebaut werden kann, dass sich diese Werte wirklich darin wiederfinden. Ihr Bemühen geht dabei weit über die reine Qualität der Inhaltsstoffe hinaus – von ausschließlicher Nutzung regionaler, eigens angebauter Rohstoffe über klimaneutrale Produktion und aktive Teilhabe an Forschung bis hin zu fair-work-Unternehmen. Ein beeindruckender Idealismus herrscht unter diesen Pionieren der Branche.

Leider werden die vorbildlichen Verfahren der Wirtschaftsethik, die vielen Best-Practice-Beispiele in der Naturkosmetik, unangemessen wenig herausgestellt. Deshalb lohnt sich ein Blick über diesen Tellerrand.

Was passiert auf politischer Ebene?

In diesem Jahr wird die Bundesregierung einen Gesetzesentwurf über die sogenannte „nicht-finanzielle Berichterstattung“ – kurz CSR-Richtlinie (Corporate Social Responsibility) – verabschieden. Jedes Kapitalunternehmen muss bislang einen Geschäftsbericht öffentlich vorlegen. Die CSR-Richtlinie verpflichtet große, im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehende Unternehmen (mehr als 500 Beschäftigte, Banken, Versicherungen, u. a.), zusätzlich zu ihren obligatorischen Geschäftsberichten Informationen zu den Themen Umwelt, Arbeitnehmerbelange, Menschenrechte etc. offen zu legen.

Diese Vorgaben weisen durchaus in die nötige Richtung, bleiben aber sehr gemäßigt angesichts der Klima- und Umweltproblematik. Warum z. B. sollen nur große Unternehmen diese Informationen offen legen? Und Informationspflicht allein zieht ja noch nicht zwingend Veränderungen nach sich. Wer also bewertet die Inhalte der Veröffentlichungen und gewährleistet Konsequenzen? Immerhin: Was die Großen tun, hat auch Auswirkungen auf die Kleinen. In der Lieferketten- und Wertschöpfungsdokumentation zieht sich die Offenlegung somit durch weite Teile der Wirtschaft.

Parallel hat die Bundesregierung einen Entwurf ihrer neuen Nachhaltigkeitsstrategie auf Grundlage der 17 Sustainable Development Goals (SDGs), der Agenda 2030 der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung, veröffentlicht. Für die Naturkosmetikbranche ist Ziel Nr. 12 besonders interessant: „Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen“. Diesem Vorsatz folgend soll u. a. das Portal „Siegelklarheit“, das bestehende Umwelt- und Sozialsiegel bewertet, um die Bereiche Kosmetik, Wasch- und Reinigungsmittel ausgeweitet werden.

Das Portal Siegelklarheit stellt verschiedene Siegel in unterschiedlichen Produktkategorien vor. Screenshot: Siegelklarheit.de/Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Das Portal Siegelklarheit stellt verschiedene Siegel in unterschiedlichen Produktkategorien vor. Screenshot: Siegelklarheit.de/Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Ob und wie sich die genannten politischen Maßnahmen auf Einkaufsempfehlungen und letztendlich die Konsummuster der Gesellschaft auswirken werden, bleibt abzuwarten. Beide Beispiele zeigen allerdings, dass auch in den Augen der Regierung unerlässlich bleibt, für ein zukunftsfähiges Wirtschaften ethische Aspekte einzubeziehen – und kenntlich zu machen.

Wie wirkt sich das auf die Naturkosmetikbranche aus?

Durch das verstärkte Abfragen von Nachhaltigkeits-Gesichtspunkten werden auch Naturkosmetikhersteller zunehmend mit Nachhaltigkeitsdokumentationen in Kontakt kommen. Vielleicht ist dann die Anfrage eines Lieferanten oder Abnehmers der willkommene Anlass, sich eingehender mit der Kommunikation der Nachhaltigkeitsleistungen zu beschäftigen. Zwar bedeutet dies zunächst etwas mehr Aufwand. Ist die Anfangshürde jedoch genommen, kann eine Berichterstattung oder sogar Zertifizierung eine deutliche Erleichterung der gesamten Unternehmenskommunikation hervorbringen. Noch besteht ein gewaltiges Potenzial in der Kommunikationslinie vom Hersteller über Handel, Einzelhandel, Fachverkäufer zum Point-of-Sale. Siegel und Nachhaltigkeitsdokumentationen helfen hier, eine erste Abgrenzungsmöglichkeit zu schaffen. Wenn schließlich die gesamte Vertriebskette einbezogen wurde und alle Beteiligten über den Mehrwert des Produktes informiert und davon überzeugt sind, wird dieses Signal auch beim Kunden ankommen.

Diese Transparenz und der damit verbundene Imagegewinn sind allemal geboten, um Naturkosmetik von herkömmlicher und letztendlich auch Bedarfsartikel von Luxusgütern abzugrenzen.