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Nachhaltigkeit war gestern: Der Megatrend Achtsamkeit und seine Chancen für die Naturkosmetik-Branche

Das Deutsche Zukunftsinstitut hat im aktuellen Zukunftsreport Achtsamkeit zu einem der Megatrends erklärt, der unsere Gesellschaft, die Wirtschaft und unsere Freizeit in Zukunft maßgeblich bestimmen wird. Was sich dahinter verbirgt und welche Chancen sich daraus für die Natur- und Biokosmetik ergeben, darum geht es in diesem Beitrag.

Megatrend Achtsamkeit. Foto: Vera Kuttelvaserova / Fotolia

Megatrend Achtsamkeit. Foto: Vera Kuttelvaserova / Fotolia

Achtsamkeit als Reaktion auf unsere komplexe Welt

Achtsamkeit boomt. Google liefert zu diesem Begriff ca. 923.000 Suchergebnisse, das englische Pendant „mindfulness“ erzielt ca. 31.600.000 Treffer. Im Freizeitangebot hält Achtsamkeit großflächig Einzug, Yogastudios sprießen regelrecht aus dem Boden, Zeitschriften wie die Flow widmen sich dem achtsamen Leben und Malbücher für Erwachsene sollen uns dabei helfen, unsere Gedanken beim „Zentangle“ auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Zum Thema Achtsamkeitsmeditation erscheinen jährlich ca. 750 wissenschaftliche Publikationen. Führungskräfte können inzwischen aus zahlreichen Achtsamkeits-Coaching-Angeboten wählen und auch die digitale Welt wird bereits heute durch den Achtsamkeits-Megatrend beeinflusst, wie zahlreiche Achtsamkeits-Apps oder Angebote zum Digital Detox belegen.

„Achtsamkeit heißt: In einer überfüllten, überreizten, überkomplexen Welt müssen wir lernen, uns auf neue Weise auf uns selbst zu besinnen.“
Matthias Horx (Quelle)

Ursachen für die zunehmende Bedeutung von Achtsamkeit in allen Lebensbereichen sind vor allem in der zunehmenden Komplexität unseres Lebens zu sehen, sei es in Hinblick auf die steigende Vernetzung, scheinbar pausenlose Erreichbarkeit und Kommunikation und die Informationsflut, mit der wir uns täglich konfrontiert sehen. Achtsamkeit ist die Reaktion auf diese Reizüberflutung. Das Zukunftsinstitut prognostiziert, dass Achtsamkeit die Begriffe Wellness und Nachhaltigkeit ablösen wird, denn:

„Anders als Wellness und Nachhaltigkeit ist Achtsamkeit nicht so einfach korrumpierbar. Achtsamkeit ist Handlung – ein innerer Prozess mit vielen Konsequenzen und Bedingungen.“
Matthias Horx (Quelle)

Achtsamkeit als Chance für die Natur- und Biokosmetik

Welche Chancen bringt der Megatrend Achtsamkeit konkret für die Branche der Natur- und Biokosmetik mit sich? 5 Denkanstöße möchte ich euch dazu mit auf den Weg geben:

1. Vorhandene Stärken noch klarer kommunizieren

Achtsamkeit hat viele Facetten. Sie äußert sich zum Beispiel im Umgang mit unserer Umwelt – und das in mehrfacher Hinsicht: in Bezug auf das menschliche Miteinander und die Beziehungen, die wir pflegen, und auch in Bezug auf unser Umfeld, die Natur, in der wir leben, die Ressourcen, die wir verbrauchen etc. Damit ist Nachhaltigkeit als Begriff also doch nicht komplett überholt, so wie es der Titel etwas provokant formuliert. Der Einklang von Umwelt, Mensch und wirtschaftlichem Handeln ist dem Begriff der Achtsamkeit damit durchaus zugehörig, sei es durch die Unterstützung von Fair Trade-Projekten bei der Gewinnung von Rohstoffen oder der Umsetzung des Cradle-to-Cradle-Prinzips.

Das sind Bereiche, in denen viele Akteure der Naturkosmetik-Branche bereits ohnehin schon stark engagiert sind. Diese Stärken könnten in Zukunft noch expliziter in den Fokus der Kundenkommunikation gestellt werden, insbesondere auch auf den digitalen Kanälen wie der Website, dem Corporate Blog, Instagram, Facebook etc.

2. Einflüsse auf die Produktgestaltung

Auch im Bereich der Produktentwicklung ist es möglich, das Thema Achtsamkeit – direkt oder indirekt – adressieren. Dabei  geht es nicht darum, die eigene Marke durch Esoterik-Geschwurbel zu verwässern, sondern bspw. Aspekte der eigenen, achtsamen Unternehmensphilosophie in die Produktgestaltung einfließen zu lassen. Wie das erfolgreich gelingen kann, zeigt derzeit bspw. die aktuelle Jubiläumskollektion von Primavera, in der nicht nur die Treue der Kunden, sondern auch die Zusammenarbeit mit den Bio-Anbaupartnern im Vordergrund steht.

3. Vegane Produkte als Ausdruck der Achtsamkeit

Die vegane Lebensweise ist ebenfalls eine Form der Achtsamkeit und betrifft als ganzheitliche Haltung dem Leben gegenüber nicht zuletzt auch den Bereich der Kosmetik. Vegane Produkte bzw. Marken werden also vermutlich in Zukunft verstärkt an Bedeutung gewinnen, so dass Hersteller und Händler die Zielgruppe der Veganer und ihre Kundenbedürfnisse schon heute im Blick haben sollten. Dies gilt sowohl für die Rezepturen von Produkten als auch für Orientierungshilfen im Verkauf, zum Beispiel durch entsprechende Filterfunktionen, wie sie in vielen Online-Shops bereits zu finden sind.

Biomazing führt Vegane Produkte direkt im Hauptmenü in einer eigenen Rubrik.

Biomazing führt Vegane Produkte direkt im Hauptmenü in einer eigenen Rubrik.

4. Vernetzung mit verwandten Themengebieten

Achtsamkeit ist eng mit Themen wie Meditation, Spiritualität, Yoga und Co. verbunden. Angebote wie Stiller Traum oder KörperKult am Park zeigen, dass es hier bereits Brücken zum Thema (Natur-)kosmetik gibt.

Insbesondere Händler haben hier sicherlich die Möglichkeit, Querverbindungen zu angrenzenden Bereichen zu schaffen, beispielsweise mit Hilfe folgender Ideen:

  • Wie wäre es mit einer Kooperation mit einem Yogastudio? Denkbar sind zum Beispiel gemeinsame Themenabende zum Thema Achtsamkeit, in denen Yoga und Naturkosmetik miteinander kombiniert werden.
  • Es muss nicht gleich ein Event sein. Stattdessen könnten Produkte, die thematisch mit Yoga, Meditation und Co. verwandt sind, im Online-Shop unter einer eigenen Rubrik geführt werden oder in einem Beitrag auf dem Corporate Blog thematisch miteinander verknüpft werden, um das Thema Achtsamkeit aus naturkosmetischer Sicht aufzugreifen.
  • Denkbar sind im Direkt-Verkauf auch kleinere Themenecken, die das Thema Achtsamkeit uns selbst gegenüber in den Fokus stellen. Wie wäre es da bspw. mit einem Produkt-Bundle, das mit einem Massage-Öl, einer Gesichtsmaske, Matcha-Tee und einem Zentangle-Buch die perfekte Stunde im Hier & Jetzt verspricht?

5. Neue, unkonventionelle Wege in der Nische

Auch unkonventionelle Nischenangebote, die den achtsamen Umgang mit uns selbst fördern- und zwar innerlich und äußerlich gleichermaßen – könnten in Zukunft an Bedeutung gewinnen, beispielsweise in der Kombination aus Coaching und Naturkosmetik, bei der Achtsamkeit die thematische Brücke zwischen diesen Bereichen schlägt. Wie das erfolgreich in der Praxis umgesetzt werden kann, zeigen bereits heute zum Beispiel HAUT UND SEIN oder amo como soy.

Abschließend ist festzuhalten, dass der Megatrend Achtsamkeit mit Naturkosmetik zahlreiche Schnittstellen hat, die viele Bereiche von der Unternehmensführung über die Produktion und Kommunikation bis hin zur Produktentwicklung betreffen. Konsumenten hinterfragen diese Bereiche zunehmend kritisch und Achtsamkeit spielt bei der bewussten Entscheidung für Naturkosmetik sicher auch eine Rolle. Insofern stehen die Chancen gut, dass sich echte Natur- und Biokosmetik in der steigenden Flut an Greenwashing-Angeboten auch in Zukunft erfolgreich behaupten kann.