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Raum und Duft: Chancen, Möglichkeiten und die Zukunft olfaktorischer Raumgestaltung

Räume sind vielfältig sinnlich erfahrbar. Raumgestaltende Elemente fokussierten bisher auf das Hören und Sehen: Lichtverhältnisse, Akustikmöglichkeiten, Farben, Formen und genutzte Baumaterialien sind Attribute, die Räume mit Wahrnehmungs- und Deutungsoptionen ausstatten und abbilden. Doch wie sieht es mit Düften aus?

Die Hotel-Lobby als geeigneter Ort für olfaktorische Raumgestaltung. Foto: rilueda/Fotolia

Die Hotel-Lobby als geeigneter Ort für olfaktorische Raumgestaltung. Foto: rilueda/Fotolia

Wir leben in einer audio-visuellen Welt. Die „niederen Sinne“ des Fühlens, Tastens oder Riechens spielten für die Raumgestaltung meist eine geringere Rolle. Seit einigen Jahren wird dies relativiert. Zunehmend werden Räume größerer Dimension (etwa in Hotels, Spas, Messehallen, Einzelhandelsgeschäften etc.) so konfiguriert, dass sie auf subtilere, angenehme Art erinnerungswürdig sind. Dieser Beitrag mit O-Tönen von Themeninsidern geht auf die Raumgestaltung mit Düften ein, die einen neuen Weg des Branding, Wohlfühlerlebens und sensorisch aufgewerteten Aufenthalts beschreibt.

Das Warum zählt: Einfluss und Einsatz von Düften

Welchen Einfluss haben Düfte auf uns? Der Sachverhalt, dass Düfte im limbischen System des Gehirns wirken, ist vielfach beschrieben. Das limbische System ist ein entwicklungstechnisch alter Gehirnteil, in dem Emotionen generiert werden und Triebe entstehen. Die aus Düften resultierenden Gefühle basieren dabei nicht auf einem kognitiv-mentalen Prozess, sondern verlaufen impulsiv. So sind Räume, die beduftet werden, als Erfahrungs- und Erlebnisorte von Emotionen neu umschreibbar. Einige Chancen liegen auf der Hand.

Düfte beeinflussen über das limbische System unmittelbar unsere Emotionen. Foto: Syda Productions/Fotolia

Düfte beeinflussen über das limbische System unmittelbar unsere Emotionen. Foto: Syda Productions/Fotolia

„Düfte können Raumkonzepte auf eine ganz außerordentliche Weise vervollständigen, wenn sie abgestimmt auf Funktion und Design des Raumes in das Gesamtkonzept integriert werden“, betont Frauke Sehner, Instinct Brands/Hamburg. René Pier, Schienbein + Pier/Stuttgart, ergänzt: „Sie lösen Erinnerungen aus, die nun mit Elementen oder Funktionen in Räumen verknüpft werden können.“ Dies bedeutet, dass Düfte nur im Einklang mit weiteren raumkonstituierenden Elementen wirken.

„Düfte können Raumkonzepte auf eine ganz außerordentliche Weise vervollständigen.“
Frauke Sehner, Instinct Brands

Wie können Düfte als raumgestaltende Elemente eingesetzt werden und welche Funktionen übernehmen sie? René Pier bringt es auf den Punkt: „Mit geschlossenen Augen wird durch den Duft von edlen Hölzern selbst ein Ort, an dem Spanplatten zugeschnitten werden, zu einem exklusiven Furnierlager einer luxuriösen Schreinerei.“ Düfte können gewiss keine Wunder bewirken; klug eingesetzt unterstützen sie jedoch eine Unternehmung, Ziele auf – positiv konnotiert – „subversive Art und Weise“ bei Menschen zu erreichen.

Die Absicht und Zielsetzung des Dufteinsatzes entscheidet über den Duft selbst und seine Ausbringung: was soll mit dem Dufteinsatz erreicht werden? Beispielhafte Zielsetzungen umfassen, einen Menschen auf zusätzliche Art und Weise zu stimulieren und dezent zu „informieren“ (z. B. Branding des Unternehmens durch einen Duft) oder eine Umwidmung zu ermöglichen, z. B. von einem zufällig Anwesenden zu einem Kunden oder von einem Besucher zu einem Hotelgast.

Meist per Funktionsmix werden Düfte in Räumen eingesetzt: dass Menschen sich an einem Ort wohlfühlen; ein wiedererkennbarer Markenort durch das Zusammenspiel von Marke, Raum und Duft entsteht; die Besuchsfrequenz oder Verweildauer gesteigert werden oder unmittelbare Wirkungen entstehen (z. B. antibakterielle Luftreinigung oder stimmungsaufhellende Wirkung auf Anwesende). Während die ersten beiden Themen eher weiche Aspekte der Markenstärkung und -bindung anbelangen, können letztere Effekte auch wirtschaftlich fassbare Auswirkungen haben.

Am Puls des Geschehens: Voraussetzungen und Entwicklungen

Welche architektonischen und planerischen Voraussetzungen gibt es? Zunächst spielen architektonische Gegebenheiten am Ort eine Rolle: „Raumgröße, Luftströmung, Isolierung, Wärmezustände, Luftfeuchtigkeit, Klimaanlagen etc. sind alles Parameter, die zu berücksichtigen sind und in die Auswahl der Ausstattung einfließen“, bringt Frauke Sehner auf den Punkt. Die Fragen, wie ein Duft gleichmäßig in angenehmer Menge in eine Atmosphäre eingebracht werden kann und welches technische Equipment notwendig ist, schließen sich an.

Architektur und technische Ausstattung beeinflussen den Einsatz von Beduftungssystemen maßgeblich, wie hier im Spa-Bereich des DOLDER GRAND Hotels in Zürich. Foto: René Dürr/Dolder Hotel AG

Architektur und technische Ausstattung beeinflussen den Einsatz von Beduftungssystemen maßgeblich, wie hier im Spa-Bereich des DOLDER GRAND Hotels in Zürich. Foto: René Dürr/Dolder Hotel AG

Die frühzeitige Einbindung in die Gesamtplanung ist sinnvoll. So können Vorkehrungen für existierende Lüftungsanlagen und die gestalterische Einbindung von Speichermedien der Düfte (Einplanung von Duftbehältern in passenden Schränken, hinter Wänden oder in anäquaten Möbeln) gemacht werden. Marion Keller-Hanischdörfer, Primavera Life GmbH bzw. Primavera Proair/Oy-Mittelberg beschreibt: „Grundsätzlich ist ein elektrischer Anschluss wichtig. Unser AROTEC-Beduftungssystem lässt unterschiedlichste Installationsvarianten zu. Entweder als Stand alone-Unit oder als versteckt positioniertes Gerät, das mit Schlauchableitung den Duft genau dahin bringt, wo er sein soll. Oder zur Einspeisung in eine bereits vorhandene Klima-/Lüftungsanlage.“ Generell gilt: „Düfte lassen sich in fast alle Räume oder Architekturen integrieren“, wie Robert Müller-Grünow, Scentcommunications/Köln, hervorhebt.

„Düfte lassen sich in fast alle Räume oder Architekturen integrieren.“
Robert Müller-Grünow, Scentcommunications

Welche neuen technischen und technologischen Entwicklungen gibt es, Düfte für die Raumbeduftung zu nutzen? Wichtiges Entscheidungskriterium für die Art der Raumbeduftung ist die Raumgröße bzw. das Luftvolumen. Grundsätzlich unterschieden wird die Trockenlufttechnik (z. B. über Diffusoren mit Kapseln und Duftgelen, gerade für kleine Räume) von der Kaltluftdiffusion mit Feinzerstäubung, die ein originales und optimales Dufterlebnis zu erreichen vermag. Frauke Sehner schildert: „Im Wesentlichen geht es technisch generell darum, die Duftstoffe so unverfälscht wie möglich in einem qualitativ hochwertigen Raumduft zu verwandeln. Eine optimale Transformation der Duftessenz in den Raum steht an erster Stelle. Ein weiteres wichtiges technisches Merkmal ist die Einstellbarkeit der Duftintensität. Technische Innovationen zeigen sich immer häufiger in komplexen Geräten, die unter anderem interaktiv steuerbar sind, mehrere Duftkartuschen integrieren und damit komplexe Anforderungen in multifunktionalen Räumlichkeiten berücksichtigen.“

Robert Müller-Grünow unterstreicht die aktuellen technologischen Möglichkeiten: „Eine präzise Steuerung und schonende Ausbringung auf langfristig stabilem Niveau ist Voraussetzung für einen professionellen Einsatz von Düften. Es gibt neue Speichermedien (z. B. Polymere) und gut steuerbare Duftausbringungssysteme, die es erlauben, eine große Bandbreite an komplexen und hochqualitativen Düften einzusetzen. Düfte müssen nicht mehr versprüht werden, sondern lassen sich trocken und ohne den Einsatz von Wärme sehr gut dosier- bzw. steuerbar kontrollieren. Dazu kommen neue technische Entwicklungen: zum Beispiel ermöglichen Mikrosysteme den Einsatz präziser Dufterlebnisse auch in kleinsten Umgebungen.“ Damit ist ein räumlich und zeitlich punktuelles und flexibles Dufterleben leichter möglich. René Pier nennt anschaulich: „Zum Beispiel im Shop-Design kann ich mir sehr gut vorstellen, dass Düfte erst ausgebracht werden, wenn sich ein Kunde einem Objekt nähert, oder es zu einem Blickkontakt kommt. Interaktive Lösungen mit gezielter Duftabgabe werden die Objekte besser mit Dufterlebnissen zusammenbringen können.“

„Interaktive Lösungen mit gezielter Duftabgabe werden die Objekte besser mit Dufterlebnissen zusammenbringen können.“

René Pier, Schienbein + Pier

Nature sells – Die Parameter von Naturdüften in Räumen

Was sind die Herausforderungen beim Einsatz natürlicher Inhaltsstoffe? In manchen Projekten besteht keine Vorgabe, nur mit natürlichen Inhaltsstoffen zu arbeiten. Dann gilt, wie Robert Müller-Grünow sagt: „Die Natur bietet eine begrenzte Zahl an Rohstoffen, aus denen dann komplexe Düfte kreiert werden können. Wenn man weitere künstliche Moleküle heranzieht, sind wesentlich komplexere Mischungen möglich“.

Wenn aus unternehmensspezifischen Gründen aber natürlichen Inhaltstoffen der Vorzug gegeben wird, sind folgende Parameter relevant: „Es empfiehlt sich, keine Einzelöle zu verwenden, sondern auf Duftmischungen zu vertrauen, da diese ein Bündel an Wirkprofilen vereinigen. Es wird vermieden, dass ein Duft besonders dominant hervortritt; beispielsweise hat Lavendel hervorragende Wirkeigenschaften, wird aber insbesondere von Männern nicht so gerne gerochen. Die Duftmischung „Entspannung“ enthält Inhaltsstoffe wie warm-süße Honigwabe, so dass der Lavendelduft etwas kaschiert wird, ohne dass die Wirkung vernachlässigt wird“, betont Marion Keller-Hanischdörfer. Robert Müller-Grünow fasst zusammen: „Insgesamt lassen sich viele ätherische Öle gut vernebeln. Typischerweise sind diese sehr leicht flüchtig. Die Kosten sind im Zweifel höher als beim Einsatz von Mischungen aus natürlichen, naturidentischen und künstlichen Molekülen.“ Die Themen „allergische Reaktionen“ sowie Regulierung der Duftintensität können fallabhängig bedeutsam sein.

Marion Keller-Harnischdörfer zieht eine Querverbindung von Materialien zu Technologien: „Bei uns passt sich die Technik den ätherischen Öle an, nicht umgekehrt – also Bearbeitung des ätherischen Öls, bis alle die gleiche Viskosität aufweisen (sehr flüssige, tropfstarke Zitrone kontra zähes Harz wie Sandelholz). Primavera arbeitet ausschließlich mit 100% naturreinen ätherischen Ölen. Unser AROTEC-Hochleistungszerstäuber kann unterschiedliches Viskositäten problemlos kalt verblasen. Kalt bedeutet keine Erwärmung – und damit Veränderung der Duftwirkung und -beschaffenheit. Der Duft bleibt somit auch bei Dauerbeduftung immer gleich gut hinsichtlich seiner Qualität.“

Ausblick

Raumdüfte werden als gestalterisches Element wichtiger. Diverse Gründe liegen auf der Hand: multisensorisches Branding und Differenzierung; emotionalisiertes Erleben, Erfahren und Wohlfühlen im Raum; multisensorische Kommunikation. Es gibt verschiedene architektonische, planerische und technische Herausforderungen, die auf neue technische und technologische Möglichkeiten treffen; Herausforderungen und Möglichkeiten bedingen sich mitunter gegenseitig. Gerade die Marktentwicklung der Naturdüfte im Raum wird mit Spannung zu verfolgen sein.

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