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Die INCI lügen? Eine Geschichte von Normen und Menschen

Im Folgenden gehen wir der Einfachheit halber von einer „Norm-Kosmetik-Anwenderin“ aus – nachfolgend „Anwenderin“ genannt. Wir stellen uns also eine Durchschnittsperson vor, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit weiblich ist (Männer nutzen nach wie vor deutlich weniger Kosmetik) und in ihrem Alltag eher weniger mit Chemie oder der Herstellung von Kosmetika beschäftigt ist.

Der Blick auf die INCI-Liste als Entscheidungshilfe. Foto: Robert Kneschke/Fotolia

Der Blick auf die INCI-Liste als Entscheidungshilfe. Foto: Robert Kneschke/Fotolia

Unserer Anwenderin steht zur Entscheidungsfindung bei der Produktwahl ein Hilfsmittel zur Seite, dessen Abkürzung viele Menschen inzwischen kennen: International Nomenclature of Cosmetic Ingredients – kurz INCI (deutsch: Internationale Nomenklatur für kosmetische Inhaltsstoffe). Wikipedia meint dazu: „Diese Nomenklatur soll besonders Allergikern die Möglichkeit geben, ein [Kosmetik-]Produkt vor dem Kauf auf bedenkliche Inhaltsstoffe zu prüfen.“

Eigentlich eine ganz wunderbare Sache. Die Anwenderin kann sich also auf international einheitliche Regeln verlassen und schnell und zuverlässig erkennen, was in einem Kosmetik-Produkt drin steckt.

Sollte es wirklich so einfach sein?

Schaut man sich die INCI-Angabe auf einer beliebigen Kosmetik-Verpackung an, dürften einem rasch Zweifel kommen. In winziger Schriftgröße (bei den üblichen Packungsgrößen sind Mindestgrößen von 2-3 mm vorgegeben) werden hier unaussprechliche Wörter aneinander gereiht und selbst für Leute mit chemischen Grundkenntnissen entziehen sich viele Dinge, denn „[…] die Namen der INCI entsprechen nur selten den Namen der chemischen Verbindungen“ (Danke, Wikipedia!).

Wir haben es also bei den INCI mit einem Hilfsmittel zur Entscheidungsfindung zu tun, das Menschen mit einem guten Maß an Allgemeinwissen nicht in die Lage versetzt, zu beurteilen, ob die aufgelisteten Inhaltsstoffe potentiell Risiken oder andere Nachteile mit sich bringen. Selbst in einer Zeit des allgegenwärtigen Smartphones ist man oft aufgeschmissen, da gerade von neueren Inhaltsstoffen keine Analysen vorliegen oder – auch bei schon länger im Einsatz befindlichen Inhaltsstoffen – die Studienlage unübersichtlich und widersprüchlich ist.

„You take the red pill—you stay in Wonderland, and I show you how deep the rabbit hole goes.“

Eine erste Maßnahme hin zu verbraucherfreundlichen INCI wäre, dass zumindest grob erkennbar ist, wofür ein bestimmter Inhaltsstoff gedacht ist oder in welche Kategorie er fällt. Wieso man auf diese – für sich gesehen wertneutrale – Information verzichtet, erschließt sich mir nicht wirklich.

Auch an anderer Stelle ist die Deklaration intransparent. So ist bei vielen Inhaltsstoffen nicht klar, aus welcher Quelle sie stammen. Es lässt sich nicht beurteilen, ob ein Stoff tierischen oder pflanzlichen Ursprungs ist oder beispielsweise durch Biosynthese von Bakterien erzeugt wurde oder Mineralöl als Ausgangsstoff hat. Veganer dürften ein Lied davon singen können, wie schwer es sein kann, diesbezüglich Informationen zu finden.

Ebenfalls nicht angegeben werden müssen: Verunreinigungen oder Stoffe, die sich während des Herstellungsprozesses oder danach bilden können. Manche Inhaltsstoffe können beispielsweise Formaldehyd abspalten. Das will man jetzt nicht unbedingt auf der Haut haben. Und viele Farbstoffe, die beispielsweise in dekorativer Kosmetik eingesetzt werden, sind stark mit anderen Stoffen verunreinigt, die zum Teil gravierende gesundheitliche Auswirkungen haben können.

Dass es sich bei solchen nicht-deklarierten Begleitstoffen nicht um etwas handelt, dass nur wenige Produkte betrifft, dürfte seit dem Bericht der Stiftung Warentest über aromatische Kohlenwasserstoffe (MOAH/MOSH) in Mineralöl-haltiger Kosmetik klar geworden sein.

Weitere Lücken der INCI

Wieder mal Wikipedia: „Die Inhaltsstoffe werden nach ihrem Gewichtsanteil in abnehmender Reihenfolge aufgelistet.“ Klingt doch nicht schlecht. Weiter vorn heißt, dass mehr davon drin ist. Weiter hinten aufgeführte Inhaltsstoffe sind also (bezogen auf den Gewichtsanteil) in geringerer Menge enthalten.

Lesen wir also weiter: „Dies gilt für alle Inhaltsstoffe, die jeweils über 1 % des Inhalts ausmachen.“ Es ist also möglich, ein Produkt mit – sagen wir mal – 31 verschiedenen Stoffen anzureichern, die jeweils unter 1 % Gewichtsanteil, aber zusammen genommen 30 % ausmachen. Ergo kann unsere Anwenderin jetzt nicht einmal erahnen, in welchen Konzentrationen bestimmte Stoffe vorliegen. Und wo die Grenze verläuft, ist aus der reinen Angabe auch nicht ersichtlich. Es gibt in den INCI keinen Vermerk „Hier beginnt die Liste der Stoffe, die jeweils einen Anteil unter 1 % haben“.

Aber auch so kann man den Anteil einzelner Inhaltsstoffe höchstens schätzen. Es gibt ja keine Mengenangaben, nur die Reihenfolge ist vorgegeben. Also selbst wenn einige Hersteller – insbesondere aus dem Bereich der Naturkosmetik – bereits Zusatzangaben über die Herkunft der Inhaltsstoffe in den INCI-Angaben machen, lässt sich immer noch nicht sagen wie hoch der Anteil von z. B. Wasser in einer Creme ist.

Wasser ist nun keine große Sache. Ob „viel“ oder „wenig“ enthalten ist, dürfte nebensächlich sein, solange die Textur stimmt, die Creme sich gut anfühlt und verteilen lässt und insgesamt wirkt. In den letzten Jahren bemerke ich aber einen problematischen Trend, den ich unter „gefährliches Halbwissen“ einstufen würde. Anwenderinnen gehen dazu über, Rezepturen anhand der INCI zu beurteilen und schauen dabei besonders auf die Reihenfolge.

Kurz gesagt halte ich diese Herangehensweise für fatal, da sie irreführend ist. Wenn auf der Verpackung eines Produktes über 20 verschiedene Inhaltsstoffe aufgelistet werden (nicht unüblich), lässt sich daraus absolut kein Rückschluss auf die Mengenanteile einzelner Inhaltsstoffe ziehen. Schön wäre es, wenn Naturkosmetik-Hersteller zumindest bei in den letzten Jahren recht häufig diskutierten Stoffen wie Alkohol oder Glycerin den Anteil am Endprodukt mit angeben würden.

Aber sonst ist doch alles deklariert?

Es gibt noch weitere Lücken. So werden verwendete Farben am Ende(!) der Auflistung mit der jeweiligen CI-Nummer (CI steht für Colour-Index) aufgeführt. Hier haben wir also eine weitere Aushebelung der Reihenfolge und was sich hinter so einer CI-Nummer verbirgt, dürfte auch den wenigsten Anwenderinnen geläufig sein.

Abgesehen davon, dass man mit Nummern statt Namen abgespeist wird, kommen weitere Probleme der Deklaration hinzu:

  • Es nicht ersichtlich, welcher Quelle die Farben entstammen.
  • Es werden keine Angaben dazu gemacht, wie es um den Reinheitsgrad bestellt ist und in welchen Mengen die Farben enthalten sind.
  • Bei mehreren Farbvarianten eines Produkts ist die Angabe +/- erlaubt, die darüber informiert, dass bestimmte Farbstoffe enthalten sein können oder auch nicht. Das gilt explizit auch dann, wenn die INCI-Angaben auf den Verpackungen der einzelnen Farbvarianten aufgedruckt sind. Ob also ein Farbstoff in einer bestimmten Farbvariante enthalten ist, lässt sich nicht feststellen.

Und zu guter Letzt gibt uns Wikipedia noch die Auskunft „Zum Schutz der Rezeptur kann für Inhaltsstoffe besondere Vertraulichkeit beantragt werden.“. Gut zu wissen, dass der entsprechende siebenstellige Code die Rezeptur schützen soll – und nicht die Anwenderin.

Handlungsbedarf

Da die INCI  in nächster Zeit sehr wahrscheinlich nicht reformiert werden, sehe ich den Handlungsbedarf bei den Naturskosmetik-Herstellern. Es geht darum, mehr Transparenz durch klarere Informationen zu schaffen. Je näher am Produkt (optimal: auf der Verpackung), desto besser.

Gerade in der Naturkosmetik erwarte ich ein hohes Maß an Transparenz. Es gibt ja auch bei den ordentlich arbeitenden Herstellern nichts zu verstecken. Eher im Gegenteil: Viele steigern seit Jahren stetig die Produktqualität, den Bio-Anteil und die Menge an Fair Trade Inhaltsstoffen. Jetzt muss man dies endlich auch der Anwenderin mitteilen. Und was würde sich besser eignen als die Deklaration der Inhaltsstoffe?

Der Blogbeitrag wurde etwas gekürzt. Die ungekürzte Fassung lässt sich hier herunterladen.