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ISO 16128 und Natur- und Biokosmetiklabel: Sorgen die geplanten Richtlinien für mehr oder weniger Verwirrung?

Eine einheitliche Definition von Natur- und Biokosmetik ist für viele in unserer Branche bislang nicht mehr als ein Traum. Da eine offizielle regulatorische Begriffsbestimmung bis zum heutigen Tag fehlt, haben sich mit der Zeit private Standards entwickelt, die im Gegensatz zu „Greenwashing“ und „Natur-inspirierten“ Produkten nachweisbare Definitionen liefern und so Tausenden Verbrauchern Sicherheit geben. Mit den verschiedenen Labeln sind jedoch auch die Herausforderungen an die Konsumenten gewachsen: Die Verbraucher müssen sich zwischen mehreren Siegeln entscheiden und herausfinden, welche speziellen Vorteile ein Label gegenüber einem anderen hat.

Diskussion um die ISO 16128-Richtlinien. Foto: marrakeshh/Fotolia

Diskussion um die ISO 16128-Richtlinien. Foto: marrakeshh/Fotolia

Im Jahr 2010 brachten Vertreter der konventionellen Kosmetikindustrie zusammen mit der Internationalen Organisation für Normung (ISO) einen Leitlinienentwurf für Natur- und Biokosmetik ein. Das Ziel? Die Schaffung einheitlicher technischer Kriterien, welche Innovationen fördern, die Begründung von Werbeaussagen erlauben und der gesamten Industrie von Nutzen sind. Als Internationaler Verband für Natur- und Biokosmetik trat NATRUE den Verhandlungen in der vermittelnden Rolle des „Liaison Representative“ bei.

Über die ISO 16128-Richtlinien

Die ISO-Richtlinien für Natur- und Biokosmetik, 16128, werden von der ISO-Arbeitsgruppe Kosmetik (ISO/217 WG4) erstellt und bestehen aus zwei Teilen: Definitionen (16128-1) und Kriterien (16128-2). In der zweiten Jahreshälfte 2015 soll 16128-1 veröffentlicht werden. Die Diskussionen um 16128-2 hingegen werden vermutlich noch bis 2016 dauern. Beide Teile sind erforderlich, um die Richtlinie praktisch anwenden zu können, das heißt, um den natürlichen/biologischen Gehalt der Inhaltsstoffe und Produkte zu definieren und zu berechnen.

Die Erwartungen der Verbraucher

Theoretisch könnten alle Beteiligten, sowohl die Branche als auch die Verbraucher, von den ISO-Richtlinien profitieren. Die Praxis sieht jedoch anders aus: Im Gegensatz zu den bereits existierenden Standards für Natur- und Biokosmetik beinhaltet die ISO 16128 nach aktuellem Stand keine Kriterien für die Klassifizierung von Produkten als Bio- oder Naturkosmetik. Für die Konsumenten am Ende der Handelskette ist es daher besonders schwierig, zu erkennen, ob ein Produkt die Vorgabe, natürliche und biologische Inhaltsstoffe zu enthalten, tatsächlich auch erfüllt.

Wir von NATRUE sind der Überzeugung, dass Verbraucher die Möglichkeit haben sollten, ihre Kaufentscheidung auf Basis von Informationen bewusst und reflektiert treffen zu können. Die größte Herausforderung ist dabei, das Vertrauen in sowie das Bewusstsein für Natur- und Biokosmetik weiter zu stärken, anstatt es zu verlieren.

Die Probleme der ISO 16128-Richtlinien

Transparenz: Private Zertifizierungsstandards für Natur- und Biokosmetik sind freiwillig nutzbar, deren Inhalte sind kostenfrei und öffentlich zugänglich; manche sind international einsetzbar. Auch die aktuellen ISO-Richtlinien sind international verwendbar und deren Nutzung ist freiwillig, allerdings sind deren Inhalte nur durch Kauf einsehbar.

Klassifikation von Inhaltsstoffen – „natürlich“: Die Stärke und der strenge Charakter von Natur- und Biokosmetikstandards basiert auf deren klarer Kriteriendefinition sowie den Anforderungen, der Konsistenz und dem Fehlen von Ausnahmeregelungen. Wir bei NATRUE glauben nicht daran, dass die ISO 16128-1 zum jetzigen Zeitpunkt die Erwartungen der Verbraucher erfüllt, da die Richtlinie synthetische (‚von Menschenhand gemachte’) oder gentechnisch-veränderte (GVO) Inhaltsstoffe erlaubt:

  • Per Definition verlangt NATRUE, dass alle naturnahen Inhaltsstoffe ausschließlich zu 100% von natürlichen Rohstoffen abstammen. Die aktuelle Version der ISO 16128-1 könnte indessen erlauben, dass bis zur Hälfte eines aus natürlichem Ausgangsmaterial gewonnenen Inhaltsstoffes (nach Gewicht) petrochemischer Herkunft ist.
  • NATRUE verbietet die Produktion von oder durch gentechnisch-veränderte Inhaltsstoffe. Als eine Fußnote in der aktuellen ISO 16128-1 wird jedoch angemerkt, dass in manchen Teilen der Welt genmodifizierte Pflanzen als natürlich betrachtet werden können, was nicht mit einem vereinheitlichen Ansatz übereinstimmt.

Klassifikation von Inhaltsstoffen – „biologisch“: NATRUE verfolgt mit seinen eigenen Standards einen vereinheitlichten Ansatz zur Anerkennung der zugelassenen Bio-Standards und -Reglements über die IFOAM Family of Standards. Obwohl die ISO-Richtlinien nach jetzigem Stand definieren, was biologische Inhaltstoffe sind, umfassen sie keine Vorgaben für den Einsatz eines anerkannten, vereinheitlichten Systems, das angibt, was einen Rohstoff als „Bio“ qualifiziert. Stattdessen liefern sie Ausnahmeregelungen, um Unterschiede auf (inter-)nationaler Ebene anzugeben.

Begründung von Werbeaussagen: Bis dato umfassen die ISO-Richtlinien keine Informationen über die Begründung von Werbeaussagen im Zusammenhang mit Natur- und Biokosmetikprodukten. Dass diese (im Rahmen der Produktkommunikation) nicht in die aktuellen Dokumente der ISO-Richtlinien mitaufgenommen wurden, hat zur Folge, dass nicht genau definiert ist, wann ein Produkt natürlich oder biologisch ist.

Wir bei NATRUE glauben fest daran, dass Verbraucher das Recht auf Information und das Recht zur Entscheidung haben sollten. Deswegen denken wir, dass ISO 16128 in seiner aktuellen schriftlichen Form für mehr Verwirrung beim Konsumenten sorgt. Dies kann dazu führen, dass Natur- und Biokosmetik vom Verbraucher nicht mehr als authentisch wahrgenommen wird – auch wenn das nicht der Realität entspricht. Ein Blick auf die unabhängige Verbraucherstudie von NATRUE und GfK zeigt übrigens, dass die NATRUE-Kriterien die Erwartungen der Verbraucher erfüllen.

Die Rolle von Labels

Verbraucher bilden sich mehr und mehr selbst fort und achten verschärft auf Labels. Das NATRUE-Siegel als Indikator für die Zertifizierung überprüfbarer Anforderungen innerhalb des Standards muss für den Konsumenten sichtbar auf allen NATRUE-zertifizierten Produkten angebracht sein. Ein Produkt kann deshalb nur den Anspruch erheben, NATRUE-zertifiziert zu sein, wenn es gemäß dem entsprechenden Zertifizierungslevel als natürlich oder biologisch gilt und den speziellen Produktkategorien entspricht.

Im Gegensatz dazu ist das ISO-Logo nicht für den Gebrauch  erlaubt und die aktuelle Version der ISO 16128 liefert keine Orientierungshilfe dabei, ein Kosmetikprodukt als natürlich oder biologisch zu identifizieren. In diesem Fall wird der Verbraucher mit der Werbeaussage, dass ein Produkt natürliche/biologische Stoffe beinhaltet, zurückgelassen, welche auf den Kriterienberechnungen von 16128-2 beruhen. Was fehlt, ist die Transparenz, die den Verbraucher verstehen lässt, was die jeweilige Behauptung in Form einer Werbeaussage bedeutet und wie der Wert berechnet wurde.

Unser Fazit

Wir bei NATRUE vertreten die Ansicht, dass die ISO 16128-Richtlinien in ihrer jetzigen Fassung schwächer sein werden als die bereits bestehenden privaten europäischen Standard-Definitionen für Natur- und Biokosmetik, denen bereits Tausende Konsumenten vertrauen. Sie werden vermutlich mehr Verwirrung stiften, als zur Aufklärung beitragen, möglicherweise sogar Misstrauen schüren – und das alles, ohne die Erwartungen der Verbraucher zu berücksichtigen.