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Branchen-Insights: 5 Denkanstöße vom Naturkosmetik Branchenkongress 2016

Bereits zum 9. Mal fand in diesem Jahr der Naturkosmetik Branchenkongress statt. Über 200 Teilnehmer trafen sich am 27. und 28.09. in Berlin, um im Rahmen von Vorträgen und Podiumsdiskussionen vielfältige Daten und Fakten rund um die Naturkosmetik-Branche zu erfahren, zu Trend-Themen ins Gespräch zu kommen und über die Perspektiven der Branche zu diskutieren.

Die Programmvorsitzende des Naturkosmetik Branchenkongress Elfriede Dambacher (rechts) und Kongressmanagerin Beate Vogel. Foto: Fritz-Wicho Herrmann-Kümper

Die Programmvorsitzende des Naturkosmetik Branchenkongress Elfriede Dambacher (rechts) und Kongressmanagerin Beate Vogel. Foto: Fritz-Wicho Herrmann-Kümper

Mir ging es auch in diesem Jahr so wie bereits in 2015: nach 2 ereignisreichen Tagen brauchte ich erst einmal ein paar Tage Abstand, um die umfangreichen Kongressunterlagen zu sichten, meine Notizen zu sondieren und die Fülle an Informationen zu verarbeiten. 5 Denkanstöße sind nun, knapp zwei Wochen später, besonders präsent, daher möchte ich sie mit euch gern teilen:

1. Der Branchendruck wächst

Im „Naturkosmetik-Radar“ präsentierte Elfriede Dambacher, Programmvorsitzende des Kongresses, aktuelle Marktdaten und -entwicklungen. Fakt ist: die Naturkosmetik steht zunehmend unter Druck. Grund dafür ist die „Ökologisierung der gesamten Kosmetikindustrie“, wie Frau Dambacher es in ihrem Vortrag nannte. Seit geraumer Zeit lässt sich beobachten, dass die konventionelle Kosmetik sich verstärkt mit grünem Anstrich präsentiert.

Spontan sind mir dabei zig Beispiele eingefallen, die genau das bestätigen: Deos ohne Aluminium sind inzwischen fast schon zur Regel als zur Ausnahme geworden, konventionelle Shampoo-Hersteller werben mit der Silikonfreiheit ihrer Produkte und in TV-Spots wird die Wirkung von ätherischen Ölen, Heilerde, Arganöl und Co. in den Fokus gerückt. Wie viel „Vorsprung“ kann sich die Naturkosmetik in der Wahrnehmung der Verbraucher, die zunehmend um kritische Inhaltsstoffe besorgt sind, noch bewahren? Und was können alternative Alleinstellungsmerkmale im wachsenden, dichter werdenden Kosmetik-Dschungel sein? Mit diesen Fragen wird sich die Branche in den kommenden Jahren intensiv auseinandersetzen müssen.

2. Die Markttreiber: jung, flexibel und in keine Schublade passend

Wenn ihr an einen typischen Naturkosmetik-Kunden denkt, was für eine Person habt ihr dann vor Augen? Vielleicht eine Frau mittleren Alters, deren Bad aus vollster Überzeugung ausschließlich mit Naturkosmetik gefüllt ist, die gesundheitsbewusst ist und für die Naturkosmetik zu ihrem insgesamt nachhaltigen Lebensstil passt? Oder habt ihr doch eher die „jungen Wilden“ vor eurem geistigen Auge, die neue, digital tief verwurzelte Generation, die den Markt ordentlich aufmischt? Letztere sind – das wurde auf dem Kongress mehrfach deutlich – auf jeden Fall diejenigen Kunden, die den Naturkosmetik-Markt vorantreiben. Die Konsumenten von grüner Kosmetik werden zunehmend jünger und ihr multioptionales Kaufverhalten passt in keine Schublade: da tummelt sich die konventionelle Luxus-Mascara ganz selbstverständlich neben dem zertifizierten Reinigungsschaum aus der Drogerie und dem naturnahen Serum mit High-Tech-Wirkstoffen aus dem Nischen-Online-Shop. „Sowohl-als-auch“ ist das Credo, das das Kaufverhalten bestimmt.

Einblick in die Expertendiskussion zum Thema Einkaufsszenarien der Zukunft. Foto: Fritz-Wicho Herrmann-Kümper

Einblick in die Expertendiskussion zum Thema Einkaufsszenarien der Zukunft. V. l. n. r.: Benjamin Thym, offerista group, Hendrike Grubert, Ponyhütchen und Elisabeth Huber, Schweizer Drogistenverband. Foto: Fritz-Wicho Herrmann-Kümper

3. Online informieren, offline kaufen

Dr. Susanne Eichholz-Klein vom Institut für Handelsforschung zeigte in ihrem Vortrag anhand von detaillierten und umfangreichen Zahlen und Studienergebnissen auf, wie die Digitalisierung das Verbraucherverhalten beeinflusst. Dabei wurde einmal mehr deutlich, wie rasant die Digitalisierung die gesamte Einkaufswelt verändert hat und es immer noch tut. Frau Dr. Eichholz-Klein verdeutlichte die Rolle der Online-Präsenz innerhalb der Naturkosmetik-Branche: insbesondere die Smart Natives nutzen Online-Quellen, um sich vor dem Kauf eines Produkts (der dann wiederum – noch? – primär stationär stattfindet) umfassend zu informieren. Die digitale Sichtbarkeit einer Marke ist also zweifelsohne von zentraler Bedeutung. Dabei geht es vor allem um die Befriedigung des steigenden Informationsbedarf der Naturkosmetik-Konsumenten. Das spiegelt sich meiner Meinung nach beispielsweise schon heute in den zum Teil sehr umfangreichen Informationsmöglichkeiten rund um Inhaltsstoffe in Form von Glossaren, Corporate Blogs o. ä. von Herstellern und Händlern wider.

4. Quo vadis, stationärer Handel?

Während im letzten Jahr noch diskutiert worden ist (und es zum Teil immer noch wird), wie viel Social Media denn nun tatsächlich nötig ist, um digital am Ball zu bleiben, geht die Diskussion nun teilweise schon wieder in eine andere Richtung. In der Podiumsdiskussion rund um Einkaufsszenarien der Zukunft und auch in mehreren Vorträgen wurde deutlich, dass folgende grundlegende Frage aktuelle Herausforderungen mit sich bringt: Wie lassen sich Online- und Offline-Handel bzw. -Präsenz verstärkt miteinander verzahnen?

Hendrike Grubert von Ponyhütchen sprach sich beispielsweise klar dafür aus, die Prinzipien der Digitalisierung geschickt in den stationären Handel zu übertragen, um das Level an Interaktion und unmittelbarer Kommunikation mit den (potenziellen) Kunden, wie es online erreicht werden kann, auch offline gewinnbringend zu nutzen. Für diese neuen Wege der Erlebnisinszenierung sind innovative Ideen und Thinking-out-of-the-box gefragt! Wie online- und offline-Einkaufserlebnisse miteinander verzahnt werden können und die Digitalisierung auf diesem Weg ein bisschen „Tante-Emma-Feeling“ zurück in den Handel bringen könnte, illustrierte Benjamin Thym von offerista in seinem Vortrag anhand der barcoo-App. Inga Nandzik von Sturm und Drang sprach dabei von „flow control“, das heißt der Vereinfachung von Kundenentscheidungen – sei es durch ein gehobenes Servicelevel im stationären Handel, zum Beispiel durch Beauty Concierges, oder durch die interaktive Begleitung der customer journeys mit digitalen Hilfsmitteln wie Apps oder interaktive Shopping Pages in Print-Magazinen.

Entspanntes Netzwerken beim Get-Together. Foto: Fritz-Wicho Herrmann-Kümper

Entspanntes Netzwerken beim abendlichen Get-Together. Foto: Fritz-Wicho Herrmann-Kümper

5. Verpackungen und Gadgets, die mitdenken

Dass auch Verpackungen neue, digitale Funktionen übernehmen können, erläuterte Charles Calvert von brandpack in seinem Vortrag. Digital packaging ist dabei das Stichwort. Die Verpackung übernimmt dabei neue Funktionen: track, interact, order, support, …. Illustriert wurde dies bspw. anhand von futuristisch anmutenden Beispielen wie einer Sonnencreme, die mit Hilfe von Sensoren den Hauttyp bestimmt und entsprechende Empfehlungen für den Lichtschutzfaktor und die maximal empfohlene Aufenthaltsdauer in der Sonne gibt. Klingt nach dem kürzlich eingeführten Dash Button von Amazon fast gar nicht mehr utopisch, oder?

Fazit vom Naturkosmetik Branchenkongress 2016

Einmal mehr hat der Naturkosmetik Branchenkongress mich neugierig darauf gemacht, wie sich die Naturkosmetik-Branche in den kommenden Jahren entwickeln wird. Ich hoffe neben interessanten (Nischen-)Brands auf innovative Handelskonzepte, neue Formen digitaler Spielwiesen und – ganz klar – natürlich auf zunehmendes Marktwachstum für eine wettbewerbs- und zukunftsfähige, bunte Naturkosmetikbranche!